Von Ulrich Schiller

Washington

Von zehn bis fünf hat Dotty Tuttle am Sonnabend und Sonntag vor „Giant“ – einem Supermarkt – in Bethesda bei Washington gesessen, um neue Wähler zu registrieren. Zu Hunderten kamen sie. Anderntags das gleiche auf dem Campus der Maryland-Universität. Dotty war begeistert. Vor allem: „Da kamen viele eingetragene Republikaner. Die könnten ja auch so für Clinton wählen. Aber nein, sie wollten ihren Eintrag im Wahlregister ändern.“

Dotty Tuttle gehört zu den unentbehrlichen freiwilligen Helfern, zu den tragenden Stützen aller Wahlkämpfe der Demokraten. Schon in den sechziger Jahren hat sie wacker für Hubert Humphrey mitgestritten. Doch jetzt, da sie den Sieg Bill Clintons schon auf der Zunge schmeckt, befallen sie plötzlich auch Zweifel und Ängste. „Hältst du es für möglich“, fragt sie dieser Tage, „daß wir vielleicht einem begabten salesman auf den Leim gehen? Schon einmal habe ich mich für einen Südstaaten-Baptisten engagiert und bin reingefallen.“ Sie meinte Carter. Angst vor einer Enttäuschung meldet sich; mehr noch Sorge, ob ein Demokrat die Schulden und Scherben überhaupt beseitigen kann – oder sollte –, die Reagan und Bush aufgetürmt haben.

Eine schon lange nicht mehr beobachtete politische Erregung hat die Vereinigten Staaten ergriffen. Die Einschaltquoten bei den Fernsehdebatten der Präsidentschaftskandidaten waren unerwartet hoch. Ross Perot, der texanische Milliardär und unabhängige Kandidat, hat in der abendlichen Sendezeit mehr Zuschauer als die etablierten Unterhaltungsprogramme. Überall wird ein Ansturm auf die Stellen für die Wählerregistrierung gemeldet. Die Apathie der Wähler ist wie weggeblasen. Schon wird die Erwartung geäußert, diesmal könne es zu einer Wahlbeteiligung von über fünfzig Prozent oder gar noch mehr kommen. Der Durchschnitt der Präsidentschaftswahlen liegt bei etwas über vierzig Prozent.

Diesmal wird auch beileibe kein Wahlkampf geführt, der sich an der Politik vorbeimogeln und in Trivialitäten und Schlammschlachten erschöpfen würde. Das hat sich alles in den Vorwahlen ausgetobt. Die Wähler selber haben für Einkehr von Sachlichkeit gesorgt. In hellen Scharen haben sie sich von der Republikanischen Partei abgewandt, nachdem deutlich geworden war, wie weit George Bush das Parteiprogramm und den Nominierungsparteitag in Houston der extremen und religiösen Rechten ausgeliefert hatte. Der angebliche Religionskrieg im Lande stieß genauso ab wie das abgestandene Pathos in den Litaneien um die Familienwerte. Auch die Treibjagd der Wahlkampfmanager Bushs auf Clintons „Charakterschwächen“ stieß ins Leere, wie der unverändert große Vorsprung des demokratischen Präsidentschaftskandidaten zeigt.

Mehr mahnend als fragend hatte sich während der zweiten Fernsehdebatte ein Fragesteller aus dem Publikum unmittelbar an Bush gewandt, um zu erfahren, ob man sich nicht endlich „auf Sachthemen konzentrieren wolle statt auf Persönliches und schmutzige Wäsche“. Dem Präsidenten, der gerade gegen Clintons Glaubwürdigkeit ausholen wollte, nahm der Mann den Wind aus den Segeln.