Von Günther Schwarberg

Fritz Löhner-Beda? Nie gehört! Nie gehört? Warten Sie. Ein paar Zeilen weiter werden Sie wissen, wie oft sie von diesem Mann schon etwas gehört haben, und werden sich wundern: Der ist das? Ja, der ist das.

Fritz Löhner-Beda hat Liedertexte geschrieben. Manche als Löhner, manche als Beda, manche unter Pseudonym. Viele seiner Lieder sind ihm später weggenommen worden. Denn Fritz Löhner-Beda war Jude. Er hieß eigentlich Fritz Löwy. Geboren in Wildenschwert in Nordostböhmen am 24. Juni 1883.

Nachdem er nach Wien gegangen war, nannte er sich nicht mehr Löwy, sondern Löhner. Aus dem tschechischen Wort für seinen Vornamen Fritz, aus Bedrich, machte er Beda: Fritz Löhner-Beda. Das klang gut arisch und war einer Karriere förderlicher als Fritz Löwy. In Wien wollte er eigentlich Jura studieren. Aber mehr Spaß machten ihm die Boheme, das Flirten, die Musik, das Kabarett, die Operetten. Er schrieb selbst eine: „Der Sterngucker“, die Musik dazu komponierte ein Mann, der damals schon weltberühmt war, der Ungar Franz Léhar. Mitten im Ersten Weltkrieg kam die Operette am Theater in der Josefstadt heraus. Sie war nur ein mäßiger Erfolg.

Fritz Löhner-Beda war, was man damals einen „Frauenliebling“ nannte, heute einen Playboy nennen würde. Er liebte Partys. Er liebte den Jux. Er machte sich lustig über den Dadaismus, den seine Literaten- und Malerfreunde kultivierten. 1920 schrieb er fürs Kabarett ein ironisches Lied auf die Dada-Kunst. Aber über seinen Boheme-Kreis hinaus hatte es keinen Erfolg. Mit ironischem Ton waren massenhaft Zuhörer nicht zu gewinnen. Schlager macht man mit Sentimentalität. So schrieb Löhner-Beda 1922 für seinen Komponisten-Freund Hermann Leopoldi das Lied von der sterbenden Märchenstadt Wien. Dieses Lied hatte Erfolg, und der Texter war danach ein gefragter Mann. Er schrieb fortan für Leo Fall, Paul Abraham, Jara Benes.

Fritz Löhner-Beda wurde reich. Er heiratete eine schöne Frau, und weil er das Leben liebte und das Geld dazu hatte, kaufte er seiner Frau ein Schlößchen in Bad Ischl. Die Hofschauspielerin Katharina Schratt hatte früher darin gewohnt. Sie hatten nun teure Möbel, goldene Wasserhähne, Kutschen, Autos und einen Chauffeur. Der Chauffeur war heimlich ein Nazi. Aber was interessierte den Fritz Löhner-Beda ein Nazi?

Er schrieb Schlagertexte – verspielte, flirtende, frivole Texte. Lieder wie das über die Glatzköpfe, das 1924 entstand: „Wo sind deine Haare, August?“ oder das über die neueste Haarmode, den Bubikopf: „Jede Gnädige, jede Ledige trägt den Bubikopf ... onduliert, schamponiert und ein bißchen wegrasiert; um die Ohm kurz geschoren und die Ponylocken vorn.“ Er schrieb auch ein Lied über Mah-Jongg, das Gesellschaftsspiel aus China, das damals in Österreich und Deutschland groß in Mode kam, als die Preise hoch und die Zeiten schlecht waren und die Börse nichts abwarf. Komponist war Jara Benes. Auch dieses Lied wurde für eine Zeitlang zum Gassenhauer, aber es war nichts gegen den anzüglichen Schlager, den er danach schrieb: „Was machst du mit dem Knie, lieber Hans, mit dem Knie, lieber Hans, beim Tanz?“

Fritz Löhner-Beda lernte die ganze Wiener Welt kennen und die Halbwelt dazu. Die Schickeria, die Schauspieler, die Komponisten, die Sängerinnen. Unter ihnen war auch Josephine Baker. Für sie schrieb er „Ausgerechnet Bananen“.

Es kam der Rundfunk, und durch ihn wurden Löhner-Beda-Schlager wie „O Donna Clara“ zu Weltschlagern. Zum Sendebeginn des ersten deutschen Mittelwellensenders im Berliner Vox-Haus 1925 schrieb Fritz Löhner-Beda das Lied über „die schöne Adrienne“, vertont von Hermann Leopoldi: „Die schöne Adrienne hat eine Hochantenne.“ Die sexuellen Anspielungen grenzten an Schlüpfrigkeiten, aber gerade das machte diesen Schlager populär:

Wo man geht, wo man sitzt und steht,

ist von Radio heut nur die Red’.

Manche Maid, wenn schon Schlafenszeit,

steigt ins Bettchen, empfangsbereit,

und sie genießt mit dem Ohr ihren Lieblingstenor,

horizontal, ideal.

Auch aufs Grammophon, das 1925 aufkam, machte sich Fritz Löhner-Beda seinen Schlagervers: „Ich hab’ zu Haus ein Grammophon, das macht so schön Trara. Sie wissen schon, man steckt die Nadel rein, gleich fängt es an zu schrein. Die größte Sensation, das ist mein Grammophon.“

Immer wieder Schlager, Schlager. Mit „Es geht die Lou lila“ machten sich Löhner-Beda und Robert Katscher 1925 über eine Mode lustig, die mit ihrem jeweils letzten Schrei immer wieder auf Neues, Verrücktes verfiel:

Auch die Badewanne lila,

jede Seidenschlinge, alle Dinge,

lila selbst die Augenringe.

Lila vor den Augen wird dem Herrn Baron,

denn er bezahlt die ganze lila Kollektion.

Damals waren es noch nicht die Musik und die Lieder aus Amerika, die um die Welt gingen, es war der deutsche Schlager, so wie die deutsche Operette weit vor dem Musical. Löhner-Bedas größte Erfolge waren die Operettentexte, die er zur Musik von Franz Lehár und Paul Abraham schrieb: „Friederike“, „Giuditta“, „Das Land des Lächelns“, „Victoria und ihr Husar“, „Die Blume von Hawaii“. Sein Freund und größter Interpret war Richard Tauber. Für ihn schrieb er das Lied, das Millionen Menschen heute noch dahinschmelzen läßt: „Dein ist mein ganzes Herz.“

Je weniger das Land zum Lächeln wurde, desto populärer wurden die Lieder, in denen man sich in die schöne heile Welt hineinsang. Die Welt der Illusionen. Die unerreichbar ferne Welt der Schönheit und der Liebe. Wenigstens träumen wollte man sie, wenigstens singen.

In den „Carlton-Teestuben“ in München ließ sich damals oft ein hagerer Mann mit Schnurrbärtchen sehen, der eine Menge Erdbeertörtchen Daß und dazu Schokolade schlürfte. Klaus Mann berichtet in seinem Buch „Wendepunkt“, wie er 1932 am Nebentisch ein Gespräch mithörte, in dem der Herr mit dem Schnurrbart, ein gewisser Herr Hitler, mit einigen Spießgesellen über die Besetzung einer Operetten-Aufführung diskutierte. Hitler gab zu verstehen, daß er sich auf die Vorstellung freue. Erstens, weil Operetten „etwas Nettes“ seien mit ihrem „gesunden Humor“; zweitens der Giehse wegen, die er „einfach prima“ fand. Zum dritten wegen Franz Lehar. Der war Hitlers Lieblingskomponist.

Daß die Schauspielerin Therese Giehse und Lehars Librettist Fritz Löhner-Beda Juden waren – was hätte der Herr mit dem Schnäuzer, nach dessen Rassenwahnvorstellung ein Jude keine Lieder schreiben konnte, die „aus der Tiefe des deutschen Gemüts“ stammten, Lieder wie das von den Burschenschaftlern so geliebte und ebenfalls von Löhner-Beda stammende „Ich hab’ mein Herz in Heidelberg verloren“ – was hätte der Herr dazu wohl gesagt, hätte er es damals gewußt?

Fritz Löhner-Bedas „Du schwarzer Zigeuner“ sang das halbe deutsche Reich. Denn die Welt der „Zigeuner“ gehörte selbstverständlich zum Repertoire von Hitlers Lieblingskomponisten und Lieblingstextern. Die da mit ihren Geigen im Kaffeehaus spielten, in ihren bunten Kleidern auf der Bühne sangen oder besungen wurden, standen später in ihren Lumpen auf der Rampe von Auschwitz.

Die Vorzeichen waren bald nicht mehr zu übersehen. Am 27. November 1934 schrieb das Reichskulturministerium an den Ortsverband Halle der NS-Kulturgemeinde: „Franz Lehár ist für die Kulturpolitik des Dritten Reiches ein strittiges Problem ... Mit seinen jüdischen Mitarbeitern und Richard Tauber dazu bewegt sich Lehár in Wien ausschließlich in jüdischen Kreisen. Der Aufbau seiner Operetten zeigt eine gewisse internationale Kitsch-Schablone. Die von Léhar vertonten Texte entbehren, von Juden geliefert, jeglichen deutschen Empfindens. .. Vom deutschen Musikverlag in Wien ging der Berliner Reichssendeleitung am 23. Mai die Meldung zu, daß Franz Léhar nichtarisch verheiratet sei. Er hat sich außerhalb des Kreises der Mitarbeiter an der Kulturpolitik des Dritten Reiches gestellt.“

Doch der „Führer“ liebte Léhar und Operetten und sentimentale Schlager über alles, und im Großdeutschen Rundfunk waren weiter Lieder zu hören wie „Valencia“, ein Weltschlager von José Padilla, zu dem Fritz Löhner-Beda den deutschen Text gemacht hatte.

Dann kamen die Nazis nach Wien, und der Chauffeur Löhner-Bedas verhaftete seinen Chef. Der kam nach Dachau, nach Buchenwald. Im Radio sollten jetzt mehr nationalsozialistische Lieder gespielt werden, zum Beispiel „Kleines, blondes Hitlermädel, du“ oder „Ein Hitlermädel tanzt Polka“. Und überhaupt war jetzt die Zeit der Marschmusik gekommen, bevor der große Marsch in den Krieg begann. Gefeiert wurde der Reichsmusikdirektor Hermann Nielebock, der sich Herms Niel nannte und für die Nazis mit viel Paukenschlägen „Auf der Heide steht ein kleines Blümelein, und das heißt Erika“ komponierte.

Aber ganz ohne die alten Operetten kam der Nazirundfunk nicht aus. So erfuhren die KZ-Bewacher schließlich, daß der Häftling Löwy des Führers Lieblingslieder geschrieben hatte. Deshalb wurde er an jedem Sonnabend in die Wachbaracke bestellt, und wenn der Großdeutsche Rundfunk ein Lied von ihm brachte, mußte er sich vor dem Lautsprecher verbeugen und ausrufen: „Der Autor dankt.“ Immer hatte er die Hoffnung, daß Franz Léhar ihn aus dem KZ holen werde. Er schrieb an ihn. Léhar antwortete, er sei beim Führer gewesen und habe sich für ihn verwendet. Der wolle die Akten prüfen.

Ob’s stimmt? Franz Léhar widmete in dieser Zeit Adolf Hitler seinen Walzer „Lippen schweigen“. Auch der SS-Führer Rödl vom KZ Buchenwald wünschte für sein Lager ein Lied, natürlich nicht von einem Juden. Löhner-Beda schrieb es heimlich, Hermann Leopoldi machte die Musik dazu, und ein arischer Mitgefangener reichte es ein. Zu Weihnachten 1938 sangen 11 000 Menschen zum ersten Mal das Buchenwaldlied von Fritz Löhner-Beda. Der sagte später, es sei das erste anständige Lied von ihm:

Wenn der Tag erwacht, eh die Sonne lacht,

die Kolonnen ziehn zu des Tages Mühn

hinein in den grauenden Morgen ...

O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen,

weil du mein Schicksal bist.

Nicht vergessen – bis Fritz Löhner-Beda nach Auschwitz kam. Eine Zeitlang lebte er noch im Industrielager Monowitz. Das sollte eine Fabrik für künstlichen Kautschuk werden, eingerichtet von der Firma IG Farben. Der Häftling Fritz Löwy wurde krank. Aber er ging nicht in die Krankenbaracke. Wer dorthin ging, der kam nicht wieder, der kam in die Gaskammer. Nach dem Kriege hat im Auschwitz-Prozeß in Frankfurt der Lagerarzt Entreß ausgesagt: „Ich erinnere mich an eine Besprechung im Frühling 1943, bei der Direktor Dürrfeld von den IG Farben darauf drängte, daß der Stand des Krankenbaus möglichst klein gehalten werden soll, damit möglichst viele arbeitsfähige Häftlinge im Lager sind. Es wurde daher angeordnet, daß Häftlinge, die zu lange krank waren, ins Stammlager verlegt werden. Von dort kamen sie dann größtenteils nach Birkenau zur Vergasung. Wenn der Krankenstand über fünf Prozent der Lagerstärke betrug, mußte der Lagerarzt eine Selektion durchführen ... Ein großer Prozentsatz der Kranken hatte Phlegmone, vor allem an den Füßen. Sie wurden durch die Holzschuhe verursacht. Oft bedeuteten Holzschuhe, die die Häftlinge bekamen, eine Art Todesurteil.“

Im Dezember 1942 besichtigten fünf Direktoren der IG Farben die Produktionsstätte. Ihre Namen: Otto Ambros. Carl Krauch. Fritz ter Meer. Heinrich Bütefisch. Walter Dürrfeld. Den Herren kamen zwei jüdische Häftlinge entgegen, Raymond van der Straaten und Fritz Löhner-Beda, der sich auf seinen Holzschuhen nur noch dahinschleppte. Einer der Direktoren zeigte auf Löhner-Beda und sagte: „Der Jude dort könnte auch etwas rascher arbeiten.“

Am Abend dieses Tages wurde Fritz Löhner-Beda totgeschlagen. „Kennst du den?“ fragte einer der Leichenträger seinen Kameraden Oszkär Betlen, als sie den Toten zum Krematorium trugen. Nein, Betlen hatte ihn nie gesehen. „Das ist der, der die ‚Lustige Witwe‘ gemacht hat.“

Einer der fünf Herren, der IG-Farben-Direktor Otto Ambros, schrieb nach der Reise ins Konzentrationslager Auschwitz-Monowitz einen Brief an seine Kollegen Fritz ter Meer und Ernst Struß: „Außerdem wirkt sich unsere neue Freundschaft mit der SS sehr segensreich aus. Anläßlich eines Abendessens, das uns die Leitung des Konzentrationslagers gab, haben wir weiterhin alle Maßnahmen festgelegt, welche die Einschaltung des wirklich hervorragenden Betriebes des KZ-Lagers zugunsten der Buna-Werke betreffen.“

Alle fünf Herren machten nach dem Kriege Karrieren in der chemischen Industrie der Bundesrepublik Deutschland. Wer von ihnen den Häftling Fritz Löhner-Beda hat totschlagen lassen, konnte man nicht mehr feststellen. Man versuchte es auch gar nicht. Die Mörder selbst hatten ein reines Gewissen. Otto Ambros antwortete einem Reporter des San Francisco Chronicle auf die Frage, was er im Kriege getan habe: „Das ist doch schon lange her. Es hatte mit Juden zu tun. Wir denken darüber nicht mehr nach.“

Fritz Löhner-Beda existierte nicht mehr, nicht einmal in der Erinnerung. Der ehemalige Reichsmusikdirektor Herms Niel trat in „Schultes Gasthof“ in Bramsche bei Osnabrück mit seiner eingefärbten Reichsarbeitsdienst-Uniform aufs Dirigentenpult und gab ein Unterhaltungsprogramm zum besten, das hieß „Ein Paradies am Meeresstrand, Du traumschöne Perle der Südsee“ – zwei Titel aus der Operette „Die Blume von Hawaii“ von Paul Abraham und Fritz Löhner-Beda, den totgeschlagenen Juden. Und nun ist er so vergessen, daß die Leute sagen: Löhner-Beda? Nie gehört.