Von Jan Feddersen

Jimy verrichtet Millimeterarbeit. Er versteht sich auf die Kunst der Naßrasur, sein Messer schabt in Zeitlupentempo den Nacken seines Kunden glatt. Zwischendurch, die Klinge etwas zur Seite haltend, gestikuliert er mit der linken Hand: „Ich sage dir, wir werden wieder Meister. Das 2 : 1 ist doch kein Zufall.“ Sein Kunde bringt die Entgegnung mit einer Wolke aus Rasierschaum heraus: „Gegen Panachaiki Patras, pah, das kann doch jeder, selbst AEK Athen.“ Jimy lacht: „Ihr nicht, ihr habt verloren in der letzten Saison.“ Beide debattieren den letzten Spieltag der griechischen Fußballnationalliga. In Montreal. An einem warmen, sonnigen Freitag Anfang Oktober.

Eigentlich heißt Jimy Dimitri, zählt 58 Lebensjahre und kam vor dreißig Jahren aus Athen nach Kanada. Seitdem lebt er auf dem Boulevard St. Laurent, der „Main“, die die Stadt am Sankt-Lorenz-Fluß in zwei Hälften teilt. Montreal, sagt der Barbier der alten Schule, würde er zwar nicht seine Heimat nennen. Aber: „Meine Kinder sind hier aufgewachsen.“ Draußen drücken genervte Lkw-Fahrer auf die Hupe, und Taxifahrer versuchen die Straße als Formel-l-Kurs zu mißbrauchen. Ein alter Jude mit Schläfenlocken und schwarzem Hut huscht vorbei. Einer aus der griechischen Gemeinde Montreals, erzählt Jimy, nähme sich jedes Jahr erneut vor, nach Griechenland zurückzukehren. Macht eine kurze Pause, um dann lakonisch anzufügen: „Aber dann kommt er doch wieder zurück.“

Kanadier ist Jimy seit zwei Jahrzehnten, was keineswegs bedeutet, daß er wie die meisten seiner Landsleute zum Eishockey ein eher religiöses Verhältnis pflegt. Aber so verrückt wie die Italiener, die einige Kilometer weiter an der Main wohnen, ist er nicht. In Little Italy haben sie sich eigens Satellitenschüsseln installieren lassen, damit sie die Spiele der italienischen Fußballnationalliga direkt verfolgen können. Jimy genügt es, wenn er einmal in der Woche die aktuellen Spielresultate in der griechischen Zeitung liest, die ihm der Postbote vorbeibringt: „Nachrichten von zu Hause.“

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Yacine arbeitet gleich neben dem Salon de Barbier Athènes: ebenfalls in einem Friseurladen. Die 38 Jahre alte Frau, aus Ghana nach Montreal eingewandert, wurde vor zehn Jahren mit einem kanadischen Reisepaß ausgestattet. Wie die meisten Immigranten vor ihr hat es sie in die Gegend um den Boulevard St. Laurent verschlagen, dieses Viertel kleiner Fluchten mit seinen höchstens vierstöckigen Häusern, Bruchbuden, Verschlägen und einstigen Fabrikgebäuden: „Hier konnte ich billig wohnen und bekam gleich in der Nähe meinen ersten Job. Außerdem lebten hier schon andere Schwarze.“

Die Main war früher die Grenze zwischen dem englischsprachigen und dem französisch sprechenden Teil Montreals. Links residierten, wie die Villen um den nur einen Steinwurf weit entfernten Mont Royal beweisen, die englischen Unternehmer. Rechts wohnten die französischen Arbeiter. Einwanderern blieb gar nichts anderes übrig, als sich am Boulevard St. Laurent anzusiedeln: Hier blieben sie beim Sprachenstreit außen vor und fanden Arbeit in den nahen Textilfabriken.