Von Klaus Harpprecht

Dies voraus: Die Edition Spangenberg hat sich, vor allem durch die Herausgabe der Tagebücher Klaus Manns, ein Verdienst erworben, das durch die Anmerkungen zu dem vorliegenden Band aus dem Nachlaß nicht beeinträchtigt wird. Es entsprach einer Pflicht des Respekts, die Breite und Vielfalt des ganzen Werkes dieses schwierigen Autors sichtbar zu machen – über die drei, die vier Bücher hinaus, die sich dem Publikum eingeprägt haben: die Autobiographie, „Mephisto“, „Vulkan“, vielleicht der Tschaikowsky-Roman.

Die Gerechtigkeit verlangte, die Erinnerung an den Sohn aus dem Schatten des übermächtigen Vaters zu lösen – auch wenn die Mühe vergeblich war: Die Notizen seiner Journale liefern fast Seite für Seite den melancholischen Beweis. Natürlich war Klaus ein eigenständiger Kopf, und ohne Zweifel war er zu origineller Leistung fähig: im krassen, oft überbetonten Kontrast zu Thomas Mann. Doch selbst die bewußte Entfernung bestätigte die Abhängigkeit. Sohn zu sein war ein erbarmungsloses Geschick, aus dem es kein Entkommen gab.

Mit der Anthologie „Distinguished Visitors“ versuchte Klaus Mann, der deutschen Sprache den Rücken zu kehren: der Sprache des Vaterlandes, das ihn verraten hatte, auch der Sprache des Vaters, an dem er nicht gemessen sein wollte. Der Versuch, sich als amerikanischer Schriftsteller zu etablieren, sollte der große Schritt in die Freiheit sein. Er ist damit gescheitert. Die Verlage wiesen das Buch zurück. Vermutlich unterschätzte der Autor die Schwierigkeit, sich im Englischen auf so natürlich-gelassene Weise einzuleben, wie dies dem genialen Nabokov gelang, der seiner Prosa – mit ironischer Souveränität – einen reizvoll fremden Akzent aufzusetzen verstand. Ein Urteil über die stilistische Qualität der Stücke dieses Buches steht uns freilich nicht zu, denn außer dem Titel lieferte der Herausgeber kein Beispiel des originalen Textes. Für manche linkische Wendung mag die Übersetzung verantwortlich sein, die alles in allem korrektes Bemühen anzeigt.

Aber es war wohl kaum das Experiment mit der Sprache, an dem sich die amerikanischen Lektoren aufhielten. Auch nicht das Konzept des Bandes. Die Idee war lockend: Bilder der Neuen Welt nachzuzeichnen, die exzellente Beobachter im Gang der Jahrhunderte entwarfen, doch Klaus Mann wählte für die Anthologie eine Mischung von Fiktion und Fakten, Dokumenten und Phantasien, von der beim besten Willen nicht gesagt werden kann, daß sie eine glückliche war. Die fragwürdige Melange rechtfertigt sich, wenn eine Meisterhand am Werk ist, in historischen und biographischen Romanen, die in der Regel einen langen Atem brauchen, beim Autor und beim Leser, um ihre eigene Realität zu schaffen. Klaus Mann hatte, wenn nicht vieles täuscht, die knappe Form von Stefan Zweigs „Sternstunden der Menschheit“ vor Augen. Er übersah, daß der berühmte Kollege über die seltene Gabe gebot, auch Kitsch und Kolportage durch seine universelle Bildung, eine literarische Technik von bestechender Brillanz, überdies durch schöne Beigaben von noblem Pathos und poetischer Empfindsamkeit auf eine hohe Ebene zu befördern: das Geheimnis seines Welterfolges, der sich leider nicht nachahmen ließ. Sein Instinkt wies Klaus Mann schon in die rechte Richtung: Literatur zweiten Ranges kann ihre eigene Größe haben. Nur setzt sie eine bescheidene Lust am Handwerk, Beharrlichkeit und kritische Distanz zum eigenen Vermögen voraus.

Er selber sprach von „unterhaltsamen Novellen“ und „essayistischen Porträts“. Der Herausgeber Heribert Hoven holt in seinem Nachwort kräftiger aus: Er schreibt von einer „Soap Opera, lyrisch und tiefgründig, satirisch und unterhaltsam, je nach Erfahrung paradiesisch oder infernalisch wie der Erdteil selbst“, von dem die Rede ist. Der Hinweis auf die „Seifenoper“, gewiß nicht zynisch gemeint, ist nur zu treffend. Manche Passagen lesen sich in der Tat, als hätte der Autor zu lange in schlechten Drehbüchern geblättert: zum Beispiel die Skizze über den schwedischen Streichholz-König Ivar Kreuger, dessen Geheimnissen der Leser dank der unschuldigen Neugier des kleinen Jim, Lenker der Fahrstühle im Haus des Groß-Hasardeurs an der Park Avenue, überrascht und verwirrt auf die Spur kommen darf. „Wer ist Stinnes? – Der Liftboy versucht, sich zu erinnern. ‚Ach, wieder so ein großes Tier‘ ...“ Zum erhebenden Ende begegnet der Betrüger dem blutjungen Jim im Traum. Für ihn entzündet er ein Streichholz (wie anders?): „,Dies ist das letzte.’ Kreuger hebt die winzige Fackel in die Höhe, schwenkt sie im Scherz und nähert sie Jims Lippen ... Er berührt Jims kindlichen Mund mit dem Streichholz: es ist schmerzhaft, wie eine grausame Liebkosung, ein überraschender und brennender Kuß. ‚Sie tun mir weh!‘ Ein leises, hohles und trauriges Lachen ist die Antwort. Der Streichholz-König ist verschwunden ...“

Auch der Dialog der sterbenden Duse mit dem Geist des bombastischen Gabriele d’Annunzio hält sich knapp am Rande des Bottichs, in dem die Bonbonsoße kocht. Andere Stücke trösten den Leser durch eine wohltuende Nüchternheit: das beste ein Porträt des jungen George Clemenceau, der von der Zeitung Le Temps im Jahre 1865 am Ende des Bürgerkrieges als Korrespondent nach New York geschickt wurde (wo er seine Frau fand). Hier war es Klaus Mann genug, zu seinem und unserem Vorteil, das Ergebnis seiner Recherchen vorzulegen, die Interessantes zutage brachten: Der radikal-liberale Journalist war, wie seine späteren Schriften bewiesen, rundum gebildet und ein Freund der Künstler, doch für die Merkwürdigkeiten und Schönheiten Amerikas, für die kulturellen Ereignisse in der großen Stadt, fürs Theater, für die Kunst schien er, nach seinen Berichten, kein Auge zu haben. Der Mann, den man später den „Tiger“ nannte, war von der Politik besessen: „Er liebt die Politik. Er vertraut nicht nur auf das parlamentarische System, er braucht es auch. Er kann nicht existieren, ohne jene schmutzige und vitale Atmosphäre von Skandal und Intrige, von heftigen Debatten und unaufhörlichem Kampf – all die dubiosen Mittel im Dienst der Karriere, des Vaterlandes und des menschlichen Fortschrittes insgesamt.“ Bravo. – An den Grenzen der Peinlichkeit freilich das Gespräch zwischen dem jungen Trotzki und seinem Söhnchen, das sich in den Straßen von Brooklyn verlaufen hatte. Der russische Revolutionär und der französische Organisator des Sieges im Ersten Weltkrieg teilen sich das Kapitel „Die großen Kämpfer“ mit dem ungarischen Freiheitshelden Kossuth und dem tschechischen Staatsmann Masaryk, von dem Klaus Mann ein liebevolles Bild entwarf: Dank an den Staat, der dem Vater und ihm das Bürgerrecht verliehen hatte.