Gibt es die Sprache Amerikanisch? Eine Unart deutscher Besserwisser

Als der Unfug ausbrach, haben wir ihn verschlafen, und jetzt ist er wohl kaum noch zu stoppen. Damals – es war die Hochzeit des Literaturimports – muß sich der eine oder andere Übersetzer und Verleger gesagt haben: Ach was, Englisch! Der Autor schreibt in den Vereinigten Staaten. Sagen wir also: „Aus dem Amerikanischen von...“

Dann kam die Welle der lateinamerikanischen Autoren. Sollte man die „aus dem Lateinamerikanischen“ ...? „Spanisch“ oder „Portugiesisch“ jedenfalls schien nicht gut genug. Es klang irgendwie kolonialistisch, und es unterschlug die zusätzlichen Sprachkenntnisse, die der Übersetzer eingebracht haben könnte. „Aus dem Uruguayischen“ oder „Belizischen“ allerdings hätte nun doch etwas lächerlich gewirkt; jedenfalls auf die Kenner jener Länder. Also nahmen sie die Pedanterie in Kauf und schrieben: „Aus dem kolumbianischen Spanisch“, „aus dem brasilianischen Portugiesisch“ oder dann doch kurz und bündig „aus dem Brasilianischen“.

Das Ganze hatte nur einen kleinen Schönheitsfehler. Der Übersetzervermerk soll nicht den Staat nennen, in dem der übersetzte Autor seine Sprache gelernt hat, sondern die Sprache, aus der übersetzt wurde. Die gibt es oft einfach nicht.

Man frage einmal einen Nordamerikaner, was er spricht. Er wird nicht oh, American antworten, sondern English, of course. Der dicke „Webster“ verzeichnet so ziemlich alles Gebräuchliche und Ungebräuchliche; eine Sprache namens American kennt er nicht, nur ein American English, so genannt, wenn man andeuten will, daß es vom britischen Englisch verschieden, aber eben doch keine eigene Sprache ist. Es gibt nur Americanese – ein Spottwort, keine Sprachbezeichnung. In Deutschland wissen wir das natürlich wieder einmal besser.

Sprachgrenzen stimmen selten mit Landesgrenzen überein, und wenn sich auch Sprachen oft nach dem Staat nennen, der ihr Hauptverbreitungsgebiet ist oder einmal war, bezeichnet ihr Name doch mitnichten diesen Staat, sondern eben eine bestimmte sprachliche Einheit, nämlich ein gemeinschaftliches System von Sprachgewohnheiten mit eigenem Wortschatz, eigener Lautung, eigener Grammatik und eigener Idiomatik: das, was man ineinander übersetzen muß. Geringfügige regionale Abweichungen machen noch keine eigene Sprache. Sie rechtfertigen allenfalls die Bezeichnung Dialekt, und manchmal nicht einmal die.

In Österreich wird Deutsch gesprochen, in den Vereinigten Staaten Englisch, in Quebec Französisch und in Lateinamerika Spanisch und Portugiesisch. In England selbst gibt es Dialekte, die sich vom Standardenglisch stärker unterscheiden als „das Amerikanische“; „aus dem Cockney ...“ ist uns bisher aber erspart geblieben. Wenn García Márquez ein neues Buch aus seinem Computer gleichzeitig an Druckereien in Mexiko-Stadt, Bogotá, Buenos Aires und Madrid versendet, ist kein Übersetzer nötig, der es erst einmal aus einem kolumbianischen in ein mexikanisches oder spanisches Spanisch überträgt; er profitiert davon, daß überall eine Sprache gesprochen wird (die bei uns Spanisch, in Spanien aber Kastilisch heißt, so wie das Italienische eigentlich Toskanisch ist).

Genauigkeit, die bekanntlich nicht schaden kann, ist darum hier oft nur Schein. Es gibt weder eine Sprache namens Paraguayisch noch ein speziell paraguayisches Spanisch. Und wenn wir wirklich genau sein und im Übersetzervermerk alle regionalen Abtönungen der Sprache des übersetzten Autors aufzählen wollten, würde die Sache lang und komisch. Ludwig Harig würde dann „aus dem Saarländischen“ übersetzt werden müssen – oder besser „aus dem rheinpfälzischen Mitteldeutsch“? – und Günter Grass „aus dem Danziger Westpreußischen, Berlinischen und Wewelsflethischen“. Und Joyce? „Aus dem ostirischen Englisch, wie es in Paris, Triest und Zürich erinnert und neuerfunden wurde“. Dann doch gleich: „aus dem Joyceanischen“. Dieter E. Zimmer