Da muß ein Nest sein, ein schmutzig-schönes Loch im blankpolierten München, aus dem die unverschämten, die weltgierigen, die zähnebleckend bösen und sentimental verzückten Dichter kommen. Rainald Goetz mit seinen Bier- und Lautstärkedelirien ist so einer, Franz Dobler mit seinem rock ’n’ roll- und rachesüchtigen Kleinbauern in "Tollwut" und der jüngste unter ihnen: Helmut Krausser mit seiner "Fetten Welt" (List Verlag, München und Leipzig 1992; 328 S., 39,80 DM). Auch Krausser (Jahrgang 1964) bringt das Kunststück fertig, die ganze Lust an der Verworfenheit in größter Gossennähe und literarisch hochgestimmt zu präsentieren.

Sein Held heißt Hagen und ist einer, der an der Münchner Freiheit mit "Hasse ma ’ne Mark" und Dosenbier den braven Bürgern in den Augen weht tut. Sein Alptraum ist ein Babymörder, der in der Stadt und den Gedanken wütet, der Schrecken pur, mit dem er Zwiesprache hält. Das Gegenstück heißt Judith und ist süße sechzehn. Sie zündet eine Sehnsucht in dem ach so Coolen an, die ihn um alle fatalistische Fasson und nach Berlin bringt, wo endlich etwas gut zu werden droht.

In der Geschichte des Saisonpenners und zeitweiligen Leichentransporteurs Hagen stimmt fast alles: der Sound von der Straße (die Dialoge vor allem!), die in Haß und Verachtung schwelgenden inneren Monologe und die krude kindliche Verliebtheit des selbsternannten Monsters. Selbst der geheime Biedersinn des Outcasts darf heraus und all die wilden Töne Lügen strafen.

Hubert Winkels