Von Norbert Kostede

Die Leidenschaften eines Intellektuellen, das Querdenken und das Zuspitzen, passen nicht zur Rolle eines Politikers. Denn der kann Erfolg nur haben, wenn er pragmatisch und opportun handelt, sonst gibt’s Ärger mit der Partei, mit dem Kanzler, mit den Wählern – sie mögen keine vorwitzigen Überflieger. Kein Wunder also, daß es auch in Deutschland nur eine Handvoll aktiver Politiker gibt, deren Bücher das Lesen lohnt. Mit seiner jüngsten Schrift "Die Linke nach dem Sozialismus" hat sich Joschka Fischer in diese Spitzengruppe der Politiker-Intellektuellen vorgeschrieben.

Was tun Intellektuelle? Sie produzieren Zeitdiagnosen, und Zeitdiagnosen haben die Aufgabe, aus dem riesigen Spektrum gesellschaftlicher, wissenschaftlicher und kultureller Entwicklungen Zentralprobleme zu bestimmen und in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion zu boxen. Fischers Linke boxt gegen den neuen Nationalismus nach dem Ende des Kalten Krieges: "Die europäische Einigung ist die zentrale Herausforderung für die heute lebende und handelnde Generation in Europa; sie ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Epochenaufgabe, eine Jahrhundert-, nein, eine Jahrtausendentscheidung ."

Nanu? Ist ein Umweltminister nicht für andere Prioritäten zuständig? Alle nennenswerten Zeitdiagnosen der siebziger und achtziger Jahre haben doch ökologische Probleme ins Zentrum gestellt: Überbevölkerung, die Zerstörung der Erdatmosphäre, industrielle und militärische Risikotechnologien. Fällt die Ökologie in den neunziger Jahren selbst bei den Grünen auf einen unteren Rang?

"Die Welt nach dem Kalten Krieg befindet sich in einem extremen historischen Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft: Das Jahr 1992 ist von dieser zerrissenen Zeit wie kein zweites geprägt worden, Rio und Sarajewo, die Namen dieser beiden Städte kennzeichnen diesen Spagat der Gegenwart." Fischers Buch schärft das Bewußtsein dafür, daß Politik immer eine Multikunst ist: multirational, mehrdimensional, multitemporal. Sie muß sich mit den in die Gegenwart geschleppten Altlasten des 19. Jahrhunderts ebenso befassen wie mit den katastrophalen Vorankündigungen des 21. Jahrhunderts. In Bonn sieht man das anders. Dort regieren fossile Erst-Dann-Strategen nach dem Motto: Erst lösen wir die Probleme der deutschen Einheit, dann haben wir auch wieder Spielraum für mehr ökologische Politik.

Aber Fischers Linke boxt diesmal vor allem gegen Linke. Gnadenlos gegen Unschuldslämmer, die ihre sozialistische Identität aus dem gescheiterten Menschenversuch des sowjetischen Kommunismus zu retten versuchen, kritisiert Fischer die "Utopieverfallenheit" der gesamten linken Theorie von Marx bis in unsere Tage. Gescheitert sei nicht nur die Konzeption einer Gesellschaft ohne Privatwirtschaft und Wissenschaftsautonomie, sondern der linke Glaube an die politische Machbarkeit ganzer Gesellschaften und Geschichtsepochen. "Der Marxismus stellte die sozialgeologischen Tiefenschichten des Geschichtsprozesses zur Disposition von Tagespolitik", und dieser Griff in die Tiefe konnte nicht ohne Terror, nicht ohne den Mord an ganzen Gesellschaftklassen abgehen.

Und Marx? Nach seiner Kreuzigung im Jahr 1989 ruft die Gemeinde der Idealisten schon wieder das Jenseits an, "Marx, wir brauchen Dich!" (Jean Ziegler), und auf Soziologentagen hält die denkende Beamtenschaft den "Klassiker Marx" an beiden Händen, damit er nicht auch in den Abgrund der Massaker rutscht, die in seinem Namen stattfanden. Fischer zählt zu denen, die auf die Schwächen der Gesamtkonstruktion des Marxismus zielen, und er scheut dabei keine große Koalition: Seine Argumentation profitiert von linken Freigeistern der Frankfurter Schule bis hin zu konservativen Autoren wie dem Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen, Joachim Fest ("Der zerstörte Traum").