Von Robert Leicht

Wer weiß, ob dies der letzte Showdown, die äußerste Konfrontation im Fall Stolpe werden wird? Immerhin kann der Untersuchungsauschuß im Brandenburgischen Landtag in dieser Woche an einen entscheidenden Punkt seiner Arbeit gelangen. Am Freitag, so ist es geplant, sollen sowohl Ministerpräsident Manfred Stolpe als auch der frühere Stasi-Offizier Klaus Roßberg aussagen. Roßberg hatte behauptet, Stolpe habe die ihm verliehene Verdienstmedaille der DDR aus seinen Händen, also direkt von der Stasi entgegengenommen. Wäre dies die Wahrheit, so wäre Stolpe natürlich politisch erledigt. Aber am Freitag soll noch eine weitere Person aussagen: Der ehemalige Stasi-Oberst Joachim Wiegand, Roßbergs Vorgesetzter. Wiegand freilich hat Roßberg rundheraus widersprochen.

Stoff genug also für einen Polit-Krimi. Doch der Vergangenheitsbewältigung kann das Spektakel allenfalls in einer Frage dienen: Wem kann man mehr glauben – Stolpe oder dem Stasi-Mann Roßberg? Roßberg oder Wiegand? Doch selbst wenn der Zeuge Roßberg, der früher im Untersuchungssauschuß schon ganz andere Sachen erzählt hatte und jetzt erst gegen gutes Geld einen Fernsehsender mit seinen Anschwärzungen versehen hat, sich als Niete herausstellen sollte, geht die Diskussion weiter: Hat Manfred Stolpe den Stasi-Tiger geritten oder gefüttert?

Doch im Augenblick sitzen eher die Großwildjäger der Medien auf dem Hochsitz, als daß sich jemand um eine zeitgeschichtlich genaue Untersuchung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche in der DDR kümmert. Je dünner die Geschichtskenntnis, desto bereitwilliger fällt ein Teil der Öffentlichkeit und der Journalisten auf jede Räuberpistole herein.

Der Moskauer KGB hat, so das hübscheste Dokument, mit der Stasi vereinbart, der "IM Sekretär" solle verhindern, daß der Vatikan dem Weltkirchenrat beitritt. Schon möglich, daß die Geheimdienste derlei Unfug auf Büttenpapier besiegelt haben. Nur: Wann jemals hätte sich der Vatikan mit der Absicht getragen, ausgerechnet dem Ökumenischen Weltrat der Kirchen beizutreten? Und wie, wenn Rom je mit solchen Ideen schwanger gegangen wäre, hätte ein Manfred Stolpe dies verhindern können? Dies alles ist kirchengeschichtlich ungefähr so realistisch wie die Behauptung, der Papst habe Mitglied der KP Italiens werden wollen und der KGB seinen Agenten Ratzinger angestachelt, dies zu verhindern.

Warum aber will der Fall Stolpe nicht zur Ruhe kommen? Weshalb reicht es nicht aus, in einigen Fällen konkret zu dokumentieren, was Stolpe unternommen hat, um Menschen zu helfen, damit ein für allemal Klarheit geschaffen wird? Es müßte ja möglich sein, in gewissen exemplarischen Fällen die Begünstigten zum Zeugnis zu bewegen. Die Antwort ist einfach: Stolpes Rolle in der real existierenden DDR ist so einfach nicht zu beschreiben.

Nicht einmal Stolpe selber hat behauptet, nur wegen humanitärer Einzelfälle Kontakt zur Staatssicherheit aufgenommen zu haben. Vielmehr sei es ihm außerdem darum gegangen, den Handlungsspielraum der Kirchen in der DDR zu sichern und, wenn möglich, zu erweitern, also den Menschen auch indirekt zu helfen. Was bedeutet dies? Schon wenn Stolpe sich wegen bestimmter Einzelschicksale an die Stasi wandte – und dies war zumindest immer dann nötig, wenn Menschen nicht in gewöhnlicher, sondern eben in Stasi-Haft saßen –, konnte er allein auf sein schönes Gesicht keinen Kredit nehmen. Erst recht aber mußte er sich auf Verhandlungen einlassen, wenn er politischen Druck von der Kirche nehmen wollte.