Von Carl Djerassi

Die Weltbevölkerung wird Mitte des nächsten Jahrhunderts auf zehn, wenn nicht gar auf fünfzehn Milliarden Menschen angewachsen sein, wie die Weltbank berichtet. Ob wir mit zehn Milliarden Geburten rechnen müssen oder mit zusätzlichen fünf Milliarden, die vielleicht durch Verhütungsmaßnahmen vermieden werden könnten, das liegt bei uns.

Ich möchte die Länder der Welt in „geriatrische“ und „pädiatrische“ Länder aufgliedern. In den pädiatrischen ist nahezu die Hälfte der Bevölkerung unter fünfzehn Jahre alt, in den geriatrischen, wie Japan oder USA, fast ein Viertel über sechzig. Die geriatrischen Länder verfügen über das Geld, über die Technik und das größte Potential an Experten. All dies wird vorwiegend für die Lösung geriatrischer Probleme eingesetzt, für Alterskrankheiten wie zum Beispiel Krebs. Da bleibt für die Bewältigung der Sorgen in den pädiatrischen Gesellschaften kaum etwas übrig, und das ist, so glaube ich, unser Dilemma.

Zwei Drittel der Weltbevölkerung gehören zwölf Nationen an. Nur vier von diesen zwölf – die Ex-Sowjetunion, die Vereinigten Staaten, Japan und Deutschland – sind „entwickelte“ Länder. Von dieser Liste wird Deutschland in ein paar Jahren verschwinden; denn seine Bevölkerung braucht 7000 Jahre, um sich zu verdoppeln, Pakistan oder Nigeria hingegen nur 24 Jahre. Bangladesch, ökonomisch ein Wrack, dessen Bevölkerungswachstum unaufhaltsam zunimmt, ist ein lehrreiches Beispiel. Seine Einwohnerzahl kann in 25 Jahren die der heutigen USA erreicht haben, und dabei gehört Bangladesch, was seine Fläche betrifft, nicht einmal zu den fünfzig größten Ländern der Erde.

Ein Lösungsweg, wenn auch nicht der einzige, wäre eine bessere Geburtenkontrolle. Ich unterscheide hier gern zwischen „Software“ und „Hardware“. Hardware bezieht sich auf die allgemein üblichen Methoden – Pille, Kondome, Sterilisation, Intrauterinpessare, Abtreibung und auch nichttechnische Verfahren wie den Coitus interruptus.

Die Software ist ungleich komplizierter, denn sie betrifft soziale, politische, legale, religiöse, ökonomische und kulturelle Verhältnisse. Diesen Software-Aspekt hat der frühere Präsident des Population Council, Bernard Berelson, 1974 in einem Plan für die Geburtensenkung in Indien zusammengefaßt. Sein Hauptargument: Wenn die Frauen berufstätig werden, sind sie auf Dauer nicht mehr in Küche und Schlafzimmer zu verbannen. Berelson forderte zudem für beide Geschlechter eine universelle Schulbildung und das Verbot von Kinderarbeit. Ferner müsse eine Verringerung der Kindersterblichkeit auf unter 25 Promille und die Einführung eines funktionierenden Systems der sozialen Sicherheit angestrebt werden. So wäre im Alter niemand auf seine Kinder angewiesen. Eine große Nachkommenschaft, um der hohen Kindersterblichkeit zu begegnen, würde sich erübrigen.

Mein Fachgebiet ist die kontrazeptive Hardware. Wir brauchen einen Supermarkt für Kontrazeptiva, der eine große Auswahl verschiedener Methoden anbietet. Denn es gibt keine ideale Schwangerschaftsverhütung, weder für Bevölkerungen noch für den einzelnen. In einigen der großen europäischen Länder sind die technischen Verhütungsmethoden nicht sehr populär; 57 Prozent der Italiener betreiben entweder überhaupt keine Geburtenkontrolle oder aber verlassen sich auf den Ovulationsrhythmus und auf die vorzeitige Unterbrechung des Geschlechtsverkehrs. Sogar bei den technischen Verhütungsmaßnahmen sind die bevorzugten Methoden von Land zu Land verschieden. In Italien kommen Sterilisationen so gut wie nicht vor, in Großbritannien wiederum machen 23 Prozent davon Gebrauch. Das einzige Land mit einer noch höheren Sterilisationsrate sind die Vereinigten Staaten. Dort haben sich in den letzten zehn Jahren mehr Ehepaare für die Sterilisation als für reversible Verhütungsmethoden entschieden. Unter den reversiblen Möglichkeiten steht die Pille immer noch an der Spitze. Ihre Anwendung nahm Mitte der siebziger Jahre ab, weil die Menschen wegen der weithin publizierten Nebenwirkungen verunsichert waren; inzwischen ist sie wieder so populär wie nie zuvor. Höchstwahrscheinlich wird Amerika mindestens weitere zwanzig Jahre bei diesen Methoden bleiben, da die Regale für Kontrazeptiva in unseren Supermärkten ziemlich dürftig bestückt sind.