Von Fritz Vorholz

Muß die Menschheit auf Gedeih und Verderb mit dieser Gefahr leben? Radioaktives Material ist längst zur heißen Ware geworden – doch die Polizei ist machtlos, "unerfahren, unversiert und unbeholfen", wie der Chef des Bundeskriminalamtes zu Protokoll gab, nachdem 2,2 Kilogramm Uran auf einem Autobahn-Parkplatz bei München beschlagnahmt wurden. Atommüll, schwer bewacht von einem Kriegsschiff und zwei Helikoptern, wird auf die Reise von Frankreich nach Japan geschickt – doch wehe, eine Bande von Verrückten erfährt die Route des Nuklearfrachters. Weltweit produzieren 421 Kernkraftwerke Tag für Tag hochgefährliche Rückstände – doch auf dem Planeten Erde gibt es bisher keinen einzigen Fleck, diesen Strahlenmüll sicher zu verwahren. Am Kühlsystem des litauischen Reaktors Ignalina, einer jener sechzehn halbmilitärischen Anlagen vom Typ Tschernobyl, werden gleich zwei Lecks entdeckt – doch fast zeitgleich geht ausgerechnet jener Meiler in der Ukraine wieder ans Netz, der der Menschheit die bisher größte Nuklearkatastrophe nach Hiroschima beschert hat. Tschernobyl heißt auf ukrainisch der Wermut. Ist so viel Bitterkeit im Namen von Wohlstand und Fortschritt wirklich nötig?

Die Ereignisse der vergangenen Tage haben klargemacht: Rund dreißig Jahre nach dem Aufbruch ins Zeitalter der friedlichen Atomkraftnutzung ist keines der damit verbundenen Probleme gelöst. Große Unfälle à la Tschernobyl sind in keiner der nuklearen Stromfabriken auszuschließen. Besonders gefährdet sind die Anlagen im ehemaligen Ostblock und hier wiederum jene vom Typ Tschernobyl. Zwar sind die im Westen arbeitenden Meiler ungleich ausgereifter, aber auch ihnen fehlt bisher jene inhärente Sicherheit, die eine Nuklearkatastrophe technisch ausschließt.

Im Osten ohnehin, aber auch im Westen läßt die Sicherheitskultur zu wünschen übrig. Bestechung, Schiebereien und Schlampereien sind für die hiesige Atomgemeinde keine Fremdworte. Weder darf sich aber eine Branche, die mit tödlichem Stoff hantiert, schwarze Schafe leisten, noch darf ein Staat, der den Umgang mit solchem Stoff nicht nur toleriert, sondern sogar per Gesetz und mit Milliardensummen fördert, solche Unregelmäßigkeiten hinnehmen. Böswillige Aktionen – Anschläge, Sabotage bis hin zur Abzweigung von Spaltmaterial und seinem Mißbrauch zu militärischen und terroristischen Zwecken – sind sonst keineswegs aufgeschlossen. Zwar verlangen nun Bonner Politiker erneut, wie nach dem Transnuklear-Skandal, härtere Strafen und konsequentere Verfolgung für Atomkriminelle. Daß aber offenbar erst immer neue Straftaten, eher zufällig, aufgedeckt werden müssen, ehe den politischen Ankündigungen auch Taten folgen, wirft die Frage auf, ob Politiker und Gesellschaft verantwortungsvoll mit nuklearem Brennstoff umgehen können.

Schließlich hat die Nutzung der Kernenergie die Gesellschaft in eine zeitliche Dimension ganz neuer Qualität gestoßen. Man weiß mit Sicherheit, daß beispielsweise Plutonium, das in Leichtwasserreaktoren entsteht, eine Halbwertszeit von 24 400 Jahren hat – ein fast unvorstellbarer Zeitraum, für den kommende Generationen sich schützen müssen. Dürfen Menschen ihren Nachfahren eine solche Bürde aufhalsen?

Sie haben es längst. Deshalb kann es heute nur noch darum gehen, das Risiko zu begrenzen. Kurzfristig folgt daraus:

  • Erstens müssen sich auch die Gegner der Kernenergie mit der Erkenntnis anfreunden, daß in Deutschland jahrzehntelang Nuklearmüll entstanden ist, der nun wohl oder übel von Mensch und Biosphäre ferngehalten werden muß. Deshalb darf die Suche nach einem Endlager nicht enden wie einst das Vorhaben, auf deutschem Boden eine Wiederaufarbeitungsanlage zu errichten: zunächst als politisch nicht durchsetzbar eingestuft und schließlich auch als ökonomisch nicht mehr attraktiv.
  • Zweitens müssen Regierungen und internationale Organisationen mehr Personal und Gerät dafür bereitstellen, den Mißbrauch von Nuklearmaterial zu unterbinden. Kriminelle müssen mit harten Strafen rechnen.
  • Drittens dürfen die gefährlichsten der Reaktoren nie wieder Strom produzieren. Doch statt dessen wurde gerade Block drei des Bruch-Reaktors Tschernobyl wiederangefahren.