Von Helmut Kuhn

Der Herbst ist eigentlich die Zeit, um den alljährlichen handelsüblichen Endzeitartikel über die Stadt New York zu mixen. "New York, das neue Kalkutta" lesen wir dann in der deutschen Presse, und es folgt die archivgesicherte Auflistung der jüngsten spektakulären Mordfälle, Verzweiflungstaten und Waffenausbeute auf Brooklyner Schulhöfen; das ganze gesalzen mit einer Prise Obdachlosenstatistik, auch wenn die Bettler der Stadt nicht zu zählen sind. Den Shaker schütteln, Weh und Ach, und fertig ist der doomsday-drink. Recht nach dem Geschmack des Lesers, den es nach grenzübergreifendem Greuel dürstet, weil er im eigenen Land bis zum Abwinken reichlich von der braunen Brühe hat.

Niemand, nicht einmal Bürgermeister Dinkins, bestreitet, daß es im Vorhof des reichen Amerika nicht wild zuginge. Das Elend auf den Straßen veranlaßte wache T-Shirt-Fabrikanten schon dazu, mit einer Konterkreation auf den Markt zu drängen: Sie ist weiß und trägt die schwarze Aufschrift: "Nein, ich habe keinen Groschen!" Was dem New Yorker, der nach Kalkutta reist, in der ehemaligen englischen Kolonie erst alles einfallen würde, weiß man nicht. Er kann sich aber Anleihen bei einem namhaften deutschen Schriftsteller holen.

Einfallsreich jedenfalls sind auch New Yorker Obdachlose. Gerade gab der 29jährige Chris Jeffers seine Erfolgsgeschichte zum besten. Bis vor zwei Jahren schlief er tagsüber auf den Bänken des Riverside Parks. In der Nacht verdiente er seinen Lebensunterhalt: Er sammelte, wie tausend andere, leere Büchsen in den Abfalleimern der Stadt und verkaufte sie am Morgen an die Supermärkte, die mit Stampfmaschinen ausgestattet sind, für fünf Cent das Stück. Bei 600 bis 700 Büchsen pro Tag kam Chris auf 30 bis 35 Dollar.

Die Supermärkte sind verpflichtet, bis zu 240 Dosen pro Person abzunehmen. Die Filialmanager aber, besorgt um das Ansehen ihrer Zweigstelle, verjagen die abgerissenen Gestalten einfach oder vertrösten sie auf einen späteren Zeitpunkt. "Das Schwierige ist nicht das Sammeln", erzählt canman Jeffers, "sondern das Verkaufen." Dazu kommt, daß viele der Stadtstreicher alkohol- und drogenabhängig sind und möglichst sofort Bares brauchen. Da kam ihm die Idee. Als Mittelsmann würde er den Sammlern die Büchsen zum halben Preis gegen Cash abhandeln und dann in größeren Mengen gegen den vollen Wert direkt an die Vertriebsorganisation We Can an der 52. Straße und 12. Avenue verkaufen, die die Recyclingware an die Getränkehersteller weitergibt. So entstand der Berufszweig des two-for-oners. Zwei Büchsen für eine.

Vom Klein-Deal um die vierzig bis achtzig Dollar am Tag schwang sich Jeffers zum erfolgreichen Jungunternehmer auf. Heute ist er der Mieter eines ehemaligen Kinos an der 50. Straße und 8. Avenue, in dem er die rund 100 000 Büchsen stapelt, die ihm die Obdachlosen aus allen Teilen der Stadt in jeder Woche bringen. Mit einem Lastwagen, drei Angestellten und einigen freien Mitarbeitern liefert er 20 000 Büchsen täglich an We Can. Guy Polhemus, Direktor der Organisation, schätzt ihn auf "ungefähr 60 000 bis 70 000 Dollar im Jahr". Es gebe außer ihm noch rund zwanzig andere two-for-oners, die bei ihm abliefern, alles ehemalige homeless. Jeffers, der jetzt fünfzehn bis sechzehn Stunden am Tag arbeitet, eine Wohnung und ein Bankkonto in Harlem unterhält und eine nationale Ausdehnung seines Unternehmens ins Auge gefaßt hat, wehrt sich gegen den Vorwurf der Ausbeutung: "Neulich kam ein alter Mann extra aus Brooklyn. ‚Warum verkaufst du deine Büchsen hier zum halben Preis?‘ fragte ich ihn. ‚Keine Nervereien, kein Warten, kein Sortieren. Und vor allem: Geld gegen Ware‘, antwortete er."

Guy Polhemus sieht die Sache ebenfalls gelassen, auch wenn er gelegentlich angegriffen wurde, weil er als Non-profit-Organisation auch von kapitalistischen canmen (nicht conmen, was ja Betrüger heißen würde) einkauft: "Ich sage den Leuten einfach: Das ist der American way."

Von irgendeinem unerklärlichen Mechanismus magisch gespeist, funktioniert die totgesagte Metropole der hundert Nationalitäten seit jeher am Rande des Unbegreiflichen. Schon 1930 stellte Egon Erwin Kisch fest, daß "der Friedhof der Armen" auf Hart Island vor New York und der "Friedhof reicher Hunde" im Villenvorort Hartsdale kein Widerspruch sind: "Der reiche Hund ist hier so begraben, wie er gelebt hat, und drüben auf Pottersfield geht es dem armen Menschen genauso." Oder: Was sagte der Handlungsreisende aus Kalkutta bei seiner Ankunft in New York? "Wieso Obdachlose? Ihr habt doch hier keine Obdachlosen ..."