Als Wolf Biermann während der 44. Buchmesse zu Frankfurt seine zum Buch gesammelten, aus tiefstem Bauch gegrummelten Deutschland-Essays vorstellte, hat Jürgen Fuchs ihm eine bewegte und bewegende Laudatio gehalten und die Geschichte der DDR ansatzweise noch einmal bereinigt. Er hat noch einmal getrennt zwischen Sascha Anderson (Spitzel, böse!) und Elke Erb (Kollegin, gut!), zwischen Elmar Faber (Staatsverleger, böse!) und Wolf Biermann (gut! gut! gut!). Er hat noch einmal daran erinnert, wie Elke Erb (gut!) gegen den Widerstand von Elmar Faber (böse!) 1985 im Westen „standhaft“ eine Anthologie neuer DDR-Literatur bei Kiepenheuer & Witsch herausgebracht hat. Das war gut! Vergessen hat Fuchs bloß, wer damals der Mitherausgeber der guten Elke Erb gewesen ist: der böse Sascha Anderson...

Wer weiß, was das nun wieder heißt und bedeutet im Kampf um Gut und Böse in Vergangenheit und Zukunft, im Kampf um die Wahrheit von heute, die am Ende vielleicht selten mehr ist als eine vorläufige Arbeitsfassung der Wahrheit von gestern. Und wer weiß überhaupt, was Gut und Böse ist?

Eindeutig gut ist bloß, wenn man irgendwo ein paar Daten und Fakten nachschlagen kann. Über 1510 „Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens der DDR“ kann man das nun, in dem Band „Wer war wer – DDR“ (herausgegeben von Jochen Černý; Christoph Links Verlag, Berlin 1992; 540 S., 58,– DM). Hier finden sich Kurzbiographien von Anderson, Biermann, Erb und Fuchs, von Honecker, Mielke, Berghofer und Modrow und auch von Boock (Georg, bis 1961 Oberbürgermeister von Erfurt) und Kluge (Volker, Sportjournalist, Autor des Bandes „Katarina – eine Traumkarriere auf dem Eis“).

Wer gut oder böse war, darum sollte es in diesem „mit großem Respekt vor Persönlichkeiten und Schicksalen“ erarbeiteten Buch, so der Herausgeber, gerade nicht gehen – nur darum, wer wer war. Und sehr viele der von ihrer bevorstehenden Aufnahme in diesen Band informierten Persönlichkeiten – wären am liebsten überhaupt nie jemand gewesen und hätten gerne gerichtlich verbieten lassen, daß ihre Mitgliedschaft in gewissen Parteien und Organisationen dokumentiert wird. Was meistens nicht so leicht zu machen war.

Kaum ist der Band erschienen, werden Unvollständigkeiten beklagt: Dieser oder jener Kirchenmann komme nicht vor. Auch haben sich die (neben fünf Redakteuren und drei Lektorinnen insgesamt acht) Autoren der einzelnen Beiträge nicht immer abgesprochen: Unter dem Stichwort „Erb, Elke“ erfährt man den Titel der Erb/Anderson-Anthologie – der Verlag steht nur bei „Anderson, Sascha“. Solche Fehler können in den Neuauflagen beseitigt werden. Die zur Buchmesse erschienene Startauflage von 3000 Exemplaren mußte der kleine Christoph Links Verlag ganz allein aus eigener Kraft finanzieren. Druckkostenzuschüsse wurden nicht gewährt, ABM-Stellen für arbeitslose Historiker waren „aufgrund des geringen arbeitspolitischen Interesses abzulehnen“.

Trotzdem lächelt der Verleger bei der Pressekonferenz zur Buchvorstellung verschmitzt. Er weiß, daß er mit diesem Band ein Standardwerk vorgelegt hat. Und einen trockenen Beweis dafür, daß es die DDR gegeben hat – im Guten und im Bösen. Also in Daten, Namen und Zahlen.

Robin Detje