Von Ingo Kolboom

Montréal

Charlottetown? Außerhalb Kanadas dürfte der Name der Provinzhauptstadt der kleinen Prinz-Edward-Inseln allenfalls jungen Japanerinnen geläufig sein. Seitdem in ihrer Heimat die Fernsehserie „Anne of Green Gables“ zum Renner wurde, pilgern sie zu Tausenden in die idyllischen Gefilde der kanadischen Pippi Langstrumpf und ihrer literarischen Schöpferin, Lucy Maud Montgomery. Auch den Kennern der kanadischen Verfassungsgeschichte ist der Name bestens vertraut. Im Jahre 1864 berieten in Charlottetown die Delegierten der britischen Kolonien zum erstenmal die Modalitäten eines Zusammenschlusses. Daraus ging 1867 die Verfassung des modernen Kanada hervor.

In diesen Wochen ist Charlottetown wiederum in vieler Munde. Es geht erneut um die kanadische Verfassung, genauer gesagt, um die Entente von Charlottetown. Am kommenden Montag werden die Kanadier mit einem einfachen Ja oder Nein über einen Text abzustimmen haben, der zwar nicht so lang und kompliziert ist wie der Maastrichter Vertrag, aber trotz millionenfacher Verbreitung genauso unverstanden und umstritten. Die Entente von Charlottetown ist noch keine neue Verfassung. Die Bundesregierung in Ottawa, die Regierungen der zehn Provinzen und der beiden „Territorien“ im hohen Norden Kanadas sowie die Delegierten der „ersten Nationen“, also der Indianer und Eskimos, haben Ende August dieses Jahres in Charlottetown lediglich einen Text abgesegnet, der Vorschläge für eine grundlegende Verfassungsänderung beinhaltet. Ein „Blankoscheck“ sei das, sagen die einen. Ein Übereinkommen, das Raum für Änderungen läßt, entgegnen die anderen.

Im Kern geht es bei diesen Vorschlägen um das künftige Miteinander in Kanada, um eine neue Bestimmung der Kompetenzen zwischen Ottawa und den Provinzen, um eine Reform des Bundesparlaments und des Senats, um den besonderen Status der frankophonen Provinz Quebec, um den Schutz sprachlicher Minderheiten sowie um Autonomie für die Indianer. Es geht also um die für Kanada alten Fragen von Zentralismus und Regionalismus, um das Verhältnis von ethnisch-kulturellen Mehrheiten und Minderheiten, um Integration und Identität.

Ein seit vielen Jahren schwelender Verfassungskonflikt soll mit dem Abkommen geschlichtet werden. Was den einen als Sieg der Vernunft, als kluge Balance von Einheit und Vielfalt erscheint, beklagen andere als Triumph des Zentralismus. Anderen wiederum erscheint dasselbe Ergebnis als Zugeständnis an egoistischen Regionalismus und Partikularismus. Der Text bleibt vage; 272 Verben stehen im Konditional; von den 60 Vereinbarungen sind 28 mit einem Sternchen versehen, das heißt, hier konnte kein Konsens erzielt werden. „Was in diesem Abkommen hell erscheint, das sind seine Dunkelheiten“, meint der frankokanadische Humorist Albert Brie. Selbst wenn der Text von den Kanadiern angenommen würde, ginge die Debatte weiter.

Ganz besonders heftig tobt der Streit in Quebec, in der französischsprachigen Provinz von der Größe Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und Spaniens zusammen, mit 6,5 Millionen Einwohnern. In der Entente von Charlottetown wird der Schutz Quebecs als „eigenständige Gesellschaft“ festgeschrieben. Angesichts der Dominanz der „Québec-Frage“ verliefen in den ersten Wochen der Debatte um die Entente die Fronten noch einfach. Ottawa und den anglophonen Provinzen schien es in Charlottetown endlich gelungen, die „Belle Province“ aus ihrer Außenseiterrolle herauszuholen und in einen Verfassungskompromiß einzubinden.