ZDF, samstags: "Der Patenonkel"

Arm und Reich waren dem Vernehmen nach mit den Klassen unter- und in der Wohlstandsgesellschaft aufgegangen. Als dann aber Gewerkschaften und Finanzpolitik die "Besserverdienenden" ausmachten, ließ sich deren Schatten, die "neue Armut", nicht länger leugnen. Allerdings gab die Zweidrittelgesellschaft den Optimisten recht in der tröstlichen Annahme, daß die Mehrheit mit ihrem Leben zufrieden sei. Die Armut war nicht nur neu, sondern auch "verschämt", und schien durch Sozialpolitik zu beheben.

Das ist seit der Wiedervereinigung anders geworden. Das soziale Gefälle erreicht eine bedrohliche Abschüssigkeit und macht die Beteiligten bange. Nicht nur müssen die Betuchten mit militantem Neid rechnen, auch die Zukurzgekommenen glauben nicht mehr, daß sie nach einer Frist verschämten Abwartens an den allgemeinen Wohlstand Anschluß finden – dazu gibt’s ihrer, der Ärmeren, zu viele. Tatsache ist, daß die soziale Frage zurückkehrt und der "Wohlstandsgesellschaft", diesem stolzen Untertitel der Bundesrepublik Deutschland, einen höhnischen Beiklang gibt.

Hierauf reagiert auch die Fernsehserie – vorderhand noch in väterlich-herablassender Manier nach Art des verschämten Reichtums, wie er in der alten Bundesrepublik verbreitet war. "Der Patenonkel" des ZDF ist Bankier Asmann (Klausjürgen Wussow), der es sich leisten kann, ohne Familienverantwortung, aber mit wechselnden Geliebten in einer phantastischen Villa glücklich zu sein. Da Prunk und Prasserei für sich allein schlecht ankommen und der Sozialbindung des Eigentums ja auch Genüge getan werden muß, übernimmt Herr Asmann Patenschaften für die Kinder einfacher Mitarbeiter, was praktisch heißt, daß er auf ein Sozialkonto Summen einzahlt, die er gar nicht spürt.

Bis eines Tages drei leibhaftige Gören in des Bankers Nobelhaus stehen: drei Waisen, vom hartnäckigen Herrn Pfarrer ihrem Paten listig überstellt. Asmann, der Kinder nicht ausstehen kann und zu seufzen weiß: "Warum werden Menschen nicht als Achtzehnjährige geboren?", wehrt sich mit Arroganz und Geld, bis es dann ganz anders kommt. Was Kontobewegungen nicht ausrichteten, erreichen die drei Racker: Herr Asmann spürt etwas und läßt die Kindlein zu sich kommen.

"Der Patenonkel" ist ein mit bewährten Schauspielern routiniert hingelegtes Rührstück, dessen Bedeutung in dem Symptom liegt, das es möglicherweise ist. Es steht für das Eingeständnis, daß die sozialen Unterschiede längst zu groß geworden sind, als daß man zufrieden zur Tagesordnung der Überflußgesellschaft zurückkehren könnte. Das Frühstück bei den Reichen findet mit Salonmusik und Seeblick statt, das bei den Armen bei Krach und Aussicht auf Mülltonnen. Die Empörung über diesen Kontrast wird auch auf dem Bildschirm nicht mehr lange dadurch zu befrieden sein, daß der Reiche sein Herz entdeckt. Ein neuer Konfliktstoff wird in die populäre Unterhaltung einschießen, und der heiter-verzeihenden Vaterfigur Brinkmann-Asmann könnte das ewige Lächeln aus dem Antlitz kippen. Barbara Sichtermann