Nach dem deutsch-polnischen Ausgleich herrscht nun ein schleichender Grenzkrieg der Fremdenfeindlichkeit. Begonnen hat er noch zu DDR-Zeiten, als DDR-Grenzer polnische Touristen breitbeinig aus den Zügen warfen und Hans Modrow DDR-Geschäfte offiziell als „nur für Deutsche“ deklarierte, um einem „Ausverkauf“ von Mangelwaren an Ausländer vorzubeugen. Offenkundig wurde er, als 1990 deutsche Neonazis unter dem Gebrüll „Hier ist alles Deutschland“ von Görlitz nach Zgorzelee zogen und im April 1991 in Frankfurt die von der Visumpflicht befreiten Polen mit Steinen begrüßten. Dieser unerklärte Grenzkrieg eskalierte mit Überfällen auf polnische Autofahrer auf den ostdeutschen Autobahnen; auf einen jungen Polen, dem deutsche Skins in Berlin die Zunge abschnitten; auf einen polnischen Reisebus in Darmstadt – und damit im Westen Deutschlands, was in Polen einen solchen Schock auslöste, daß sogar schon die abstruse Forderung nach einem „von der Uno überwachten freien Geleit“ nach Frankreich zu hören war. Nun kulminiert er in gegenseitigen Racheakten.

Am 4. Oktober überfielen polnische Skins in Nowa Huta bei Krakau drei deutsche Fernfahrer, einer von ihnen starb kurz darauf im Krankenhaus. Eine Woche später wurden wiederum drei Polen bei Cottbus krankenhausreif prügelt. Die Spirale der Gewalt dreht sich, die Öffentlichkeit ist fassungslos, die Politiker reagieren ratlos. Mit Schrecken erleben die Polen, daß ihr Land von derselben Pest der Gewalt befallen werden kann wie das der Nachbarn. Die Scham darüber bewegte viele Krakauer sofort dazu, Kerzen am Ort des brutalen Überfalls anzuzünden und Blumen hinter die Scheibenwischer deutscher Brummis zu stecken. Auch die polnischen Politiker beeilten sich, den Angehörigen ihr Beileid auszusprechen, und baten um Entschuldigung. Daß die „Zuschläger“ blitzschnell gefaßt wurden, linderte die Verstörung ein wenig, doch das Gefühl der moralischen Unschuld war dahin. Polen mußte seine Skins zur Kenntnis nehmen.

Dabei traf dieser Blitz nicht aus heiterem Himmel. Schon seit den siebziger Jahren konnte sich im verhältnismäßig liberalen Polen eine jugendliche Subkultur entwickeln – von den Hippies über die Punks bis zu den Vorläufern der Skins. Bezeichnenderweise fand fast zur gleichen Zeit, als die große Streikwelle in Danzig Lech Walesa ins Rampenlicht trug, in Jarocin bei Posen ein erstes Woodstock des Ostblocks statt. Seitdem pilgerten alljährlich im Sommer Zigtausende Jugendliche und einige Dutzend Rockgruppen aus ganz Polen dorthin. Für den Aufbruch der Solidarność interessierten sie sich wenig, sie sangen ihre aggressiv „nihilistischen“ Songs und überlebten relativ unbehelligt den Kriegszustand. Die angeschlagenen Machthaber tolerierten Jarocin, weil diese Jugend apolitisch zu sein schien und ihre Songs als Ventil dienten. Die oppositionellen Intellektuellen hätschelten die Subkultur, weil sie aus ihr die „authentische Stimme“ der Rebellion heraushörten.

Dann begann die zweite Phase der Rebellion: gegen die „Manipulation“, wie sie sagten, die Vereinnahmung durch die Medien, die offiziellen wie die des oppositionellen Untergrunds. Sie brachte eine Radikalisierung der Texte und Verhaltensweisen dieser Jugendlichen mit sich, die nicht von der Selbstdisziplin der Streikwelle 1980, sondern von den Straßenschlachten mit der Miliz in den Jahren danach geprägt wurden und in die Dritte Republik mit Steinen in den Händen übergingen. Dies sind nicht die Kinder der Solidarnosc, sondern des Kriegszustands, Lech Walesa ist für sie nur ein weiterer jener „frei schwebenden Maulhelden“. Eine Ideologie der Gewalt hatten sie noch nicht, denn die Gewalt war der Staat, die mit Schlagstöcken, Gasgranaten und Plastikschilden ausgerüsteten Zomo-Einheiten. Doch Gewalt war für sie eine unmittelbare Erfahrung.

Und die Intoleranz. Sie waren es, die während der Streikwelle 1988 – die zum Runden Tisch, zu halbfreien Wahlen und zum Machtwechsel in Polen führte – auf der Lenin-Werft ihre Radiorecorder auf volle Lautstärke drehten, als Walesa sprach und zur Mäßigung aufrief. Sie waren gegen die „Kompromißler“ und daher eine natürliche Zielgruppe für die 1989 wie Pilze nach dem Regen sprießenden rechten „Taschen-Parteien“ mit ihrer Ideologie der Fremdenfeindlichkeit, eines pausbäckigen Nationalismus und eines abstrusen antikapitalistischen „dritten Weges“ in der Wirtschaft: „Mit starker Hand“ sollte der Staat Preise, Löhne und Arbeitsplätze absichern. Je weniger diese Gruppierungen sich durchsetzen konnten, um so lautstärker und gewalttätiger versuchten sie sich ins Bild zu setzen. Als sich im Herbst 1989 im Warschauer Kulturpalast – wo früher Leonid Breschnjew Edward Giereks Parteitag absegnete – der erste Kongreß der polnischen Rechten versammelte, heuerten ehrwürdig erscheinende „Konservative“ und „Christlich-Nationale“ Warschauer Skins als Ordner an. Und die nahmen sich ihrer Aufgabe eifrig an; während im Kongreßsaal große Reden über die nationalen Werte und die Verbrechen der Roten geschwungen wurden, prügelten sich auf der Straße die Skins mit den Anarchos.

Ihre Feuertaufe hatten die Skins 1984, als sie sich mit ihren Todfeinden, den Punks, bei Rockkonzerten schlugen. Doch schon bald entdeckten sie neue Opfer: „Aidsy“, Afrikaner und Araber, die mehrmals auf der Straße überfallen und verprügelt wurden. „Polen den Polen!“ riefen sie noch nicht – diese Ideologie lieferten ihnen nach dem Sieg der Solidarność 1989 erst rechte Gruppierungen, die überall eine antipolnische Verschwörung von Deutschen, Russen und Juden witterten. Der eigentliche Gegner aber war der Kontrakt-Sejm (2/3 Kommunisten, 1/3 Solidarność), der „die wahren Polen“ von der Regierung aussparte.

Diejenigen, die nach dem 4. Juni 1989 nicht im Sejm, im Parlament und in der Mazowiecki-Regierung vertreten waren, riefen zu einer „Beschleunigung“ auf und sprachen den Staatsorganen die Legitimität ab. Nicht alle waren Nationalisten, doch die meisten plädierten für eine „außerparlamentarische Opposition von rechts“. Und Polen bekam seine Apo. Sie reichte von Walesas „Hof“, dessen Ton schärfer wurde und der nun eine rigorose Abrechnung mit dem Anden régime „mit der Axt“ forderte, bis zur frustrierten Führung einer diffusen, aber straff organisierten Partei wie der Konföderation Unabhängiges Polen (KPN), die – von der entstehenden politischen Klasse übergangen – ihre Anliegen auf der Straße auslebte. KPN-Schlägertrupps besetzten öffentliche Gebäude und peitschten die Jugendlichen auf, „die Sowjets aus Polen hinauszuwerfen“. Daß Halbstarke in Krakau das sowjetische Konsulat mit Steinen bewarfen oder in Warschau vor der israelischen Botschaft demonstrierten, ist vielleicht nicht direkt einer Partei anzulasten, sicherlich aber der Gesinnung, die sich im Dunstkreis der rechten Gruppierungen entwickelte.