Von Viola Roggenkamp

Es ist kurz vor Mitternacht. Im Hamburger Literaturhaus brennt noch Licht. Die Gäste im Vorraum zum erleuchteten Gartensaal sprechen mit gedämpften Stimmen, denn drinnen ist Veranstaltung. Zwischen ihnen sitzt Hannelore Hoger, halb in den Raum gewandt, träge, ein wenig gereizt. Sie wartet und sitzt da, als trüge sie Hosen: die kräftigen Beine vor sich hingestellt. Ihr kurzer, enger Rock diszipliniert sie nicht. Die Füße wippen in schwarzen Pumps.

Nebenan geht es dem Ende entgegen. Djuna Barnes’ Roman "Nachtgewächs" wird dort seit sieben Stunden vorgelesen. Die Hoger sollte mit dem vorletzten Kapitel vor über einer Stunde beginnen. "Es hat sich leider verschoben", wird gesagt. Sie nickt mit sehr schwerem Kopf, geduldig, darunter leicht knurrig. Was soll man machen?

Wie hat sie sich auf diesen schweren Text vorbereitet, und hat sie das philosophierende, sinnliche Kultbuch ganz verstanden? Auf die lange Frage folgt eine noch längere Pause. Dann kommt die Antwort: "Nö." – Mehr nicht. Ein gedehnt gesprochenes, leicht nörgelndes Nö. Ein in hamburgischem Singsang hauchzart geleiertes Nö. Beileibe keine Einsilbigkeit. Reserviert, vielleicht ein bißchen stur. Sie will eben jetzt kein Gespräch. Sie will ihre Spannung aufbauen, mit der sie gleich die Arbeit zu so später Stunde beginnen muß. Dann läßt sie sich aber doch ein: "Ich lese es, wie ich es verstehe." Ein schräges Grinsen. Sehr blaugraue Augen. Es ist nicht auszumachen, ob man jetzt stört oder willkommen ist. Ihre Offenheit verführt zum Bleiben. Ihre laszive Stärke macht vorsichtig. Die Ungewißheit ist attraktiv. Wie nun weiter? Sie steht auf und geht. Vor die Tür. Ein paar Minuten noch.

Gleich wird sie den Gartensaal betreten, zum Podium hinaufgehen. Sie wird ihr Buch aufschlagen und die von ihrem Djuna-Barnes-Marathon erschöpfte Schar wieder hochreißen, hin zu den Romangestalten, hinein in einen Rausch von Schmerz, Eifersucht, Demütigung und Trauer. Die kleine Leselampe, das schmale Pult, der hohe Stuhl stecken in dieser Nacht einen viel zu engen Rahmen für die unerhört potente Schauspielerin. Eine Stunde später hat sie, begleitet von starkem Applaus, den Saal verlassen, sitzt an der Bar und hat Deckung genommen hinter ihrer auf dem Tresen stehenden Handtasche. Wir verabreden uns für ein Interview. "Meinen Sie? Na, Sie können mich ja anrufen." Sie zögert. Dann lacht sie und geht.

Die Hoger? Kritiker und Publikum loben sie und sind begeistert. "Klug und dabei immer auch körperlich" sei sie, "mutig bis peinvoll treffend in der Darstellung", ist zu lesen. "Wirkungsmächtig", "feinstes Gespür", "viele Dimensionen", schreiben theater heute, FAZ, Süddeutsche. "Ihre Stimme, diese tiefwarme, singende Stimme", wird geschwärmt. Unlängst der Tucholsky-Abend in Hamburg: die Hoger als "Lottchen"! Sie kann einen Gedankenstrich lesen.

Und warum steht sie dann so selten auf der Bühne? Sie lebt in Hamburg, aber weder das Schauspielhaus noch das Thalia Theater haben sie unter Vertrag. Kaum zu glauben. Beim Publikum gilt sie als hervorragende Schauspielerin. Man will sie sehen. Doch sie wird nicht engagiert. Hannelore Hoger: "Wenn man mir eine tolle Rolle im Theater anbietet, werde ich schon nicht nein sagen." Sie hat mit Peter Zadek, Volker Schlöndorff, Egon Monk, Karin Brandauer, Peter Beauvais und Hans Lietzau gearbeitet. Wenn es gut geht, ist es eine erotisch kreative Beziehung. Geht es schlecht, ist es oft ein Machtverhältnis. "Dann ist es uninteressant. Das kann ich nicht leiden."