Als „spekulative Arithmetik“ bezeichnet der englische Statistiker John Ashford eine der ehrgeizigsten Studien, die jemals über die gesundheitsschädigende Wirkung des Rauchens erschienen ist. Deren Autoren, der angesehene Epidemiologe Richard Peto und vier seiner Kollegen, sagen voraus, daß im Jahr 2025 allein in den entwickelten Ländern 3,4 Millionen Menschen an den Folgen von Tabakgenuß sterben werden (Lancet, Bd. 339, Ausg. 8804, 1992, S. 1268).

Die fünf Wissenschaftler stützen sich auf eine Arbeit der amerikanischen Krebsgesellschaft. Dieser entnahmen sie, wie viele Raucher und Nichtraucher unter mehr als einer Million US-Bürgern im Verlauf von vier Jahren an Lungenkrebs, Herz-Kreislauf-Beschwerden und anderen Krankheiten starben. Aus diesen Zahlen errechneten sie das Risiko, das Tabakfreunde mit ihrer Sucht eingehen – und das nicht nur für die USA, sondern für sämtliche Industrieländer. Dabei verwendeten sie Statistiken der Todesursachen in diesen Ländern, die jedoch Raucher und Nichtraucher nicht getrennt erfassen.

Anscheinend war Peto und Co. ihre Methode selbst suspekt: Um die Anzahl der Tabakopfer nicht zu überschätzen, gingen sie bei ihrer Hochrechnung nur von der Hälfte der zusätzlichen Sterblichkeit aus, die die Cancer Society für die untersuchten Qualmer ermittelte – eine völlig willkürliche Annahme. Die Arbeitsgruppe unterschied nur nach Geschlecht, Alter und Tabakgenuß. Die Rauchgewohnheiten berücksichtigte sie genausowenig wie die soziale Stellung der untersuchten Personen, die im übrigen nicht einmal für die USA repräsentativ waren.

Statistische Studien über die schädliche Wirkung von Nikotin und Teer anzustellen ist nicht einfach. Bei Medikamententests teilen Wissenschaftler die Probanden nach dem Zufallsprinzip ein: Eine Gruppe bekommt Präparat A, die andere B. Beim Thema Rauchen ist das nicht möglich. Zum einen sind die Epidemiologen auf die oft fragwürdigen Angaben der Teilnehmer über ihre Rauchgewohnheiten angewiesen. Zum anderen hat natürlich jeder bereits lange vor Beginn einer Untersuchung entschieden, ob er dem Tabak frönt oder nicht. Bei seinem Beschluß haben zahlreiche Faktoren eine Rolle gespielt: Geschlecht, sozialer Status, Wohnort, Persönlichkeit. Daher kann man nicht ohne weiteres von erhöhten Krankheitsraten bei Rauchern darauf schließen, daß die Qualmerei die Erkrankung verursacht hat. So sterben Tabakliebhaber erwiesenermaßen häufiger an Leberzirrhose. Wahrscheinlich liegt das weder am Nikotin noch am Teer. Aber: Wer gerne ein Gläschen hebt, ist meist auch dem blauen Dunst nicht abhold.

Rauchen gefährdet die Gesundheit, warnt nicht nur Minister Seehofer auf jeder Zigarettenschachtel. Auch unter Wissenschaftlern ist diese Erkenntnis unumstritten. Die gesundheitsschädigende Wirkung des Rauchens läßt sich mit epidemiologischen Studien jedoch nur grob abschätzen. Exakte Zahlen, wie sie Peto bietet, können gar nicht verläßlich sein. Eine sinnvolle Grundlage für die Gesundheitspolitik sind diese Zahlenspiele jedenfalls nicht.

Und Rätsel gibt es immer wieder. Kürzlich ergab eine Studie, daß Raucher – zumindest in den USA – selbstmordgefährdeter sind als Tabakverächter (Lancet, Bd. 340, Ausg. 8821, 1992, S. 709). Je mehr Zigaretten jemand inhaliert, desto eher legt er Hand an sich. Daß Glimmstengel jemanden in den Suizid treiben, ist indes nicht anzunehmen. Vielleicht neigen Marlboro-Männer und ihre Rauchkumpanen eher zu Depressionen. Doch welchen Grund hat dieses Resultat der Untersuchung: Tabakfreunde sind öfter die Opfer von Morden als Nichtraucher? Wolfgang Blum