Von Ulrike Heider

Im Frühjahr 1982 wurde in New York jene Frau beerdigt, die der Freimarkttheoretiker Ludwig von Mises einst den „mutigsten Mann Amerikas“ genannt hatte. Neben dem Sarg der Romanautorin und Philosophin Ayn Rand, an dem Hunderte von Verehrern defilierten, prangte ein überdimensionales Blumengebinde in Form des Dollarzeichens.

Photos dieser amerikanischen Kultfigur, deren Buchgesamtauflage über zwanzig Millionen zählt und ständig steigt, zeigen eine exzentrisch wirkende Frau mit großen dunklen Augen, eine Zigarettenspitze in der Hand. Auf einem der Bilder trägt sie ihr Emblem, das Dollarzeichen, als Diamantbrosche. Rands Leben war dem Kampf gegen den Kommunismus gewidmet, als dessen Alternative ihr der vom New Deal unangekränkelte amerikanische Laisser-faire-Kapitalismus des 19. Jahrhunderts galt.

Zehn Jahre nach ihrem Tod ist Ayn Rand in den Vereinigten Staaten populärer denn je. Der Zeitgeist fördert ihre Ideale. Reformkapitalismus und Sozialstaat gelten als überholt, während der ungezügelte Kapitalismus fröhliche während der ert. Nicht zufällig landete Rands wichtigster Roman „Atlas Shrugged“, eine tausendseitige Eloge auf Marktfreiheit und Konkurrenzkampf, auf Platz zwei einer Liste der einflußreichsten Bücher. Platz eins der von der Library of Congress veröffentlichten Liste nimmt die Bibel ein. So ist es mehr als zeitgemäß, daß Präsident Bush mit dem Sozialstaatsgegner Clarence Thomas einen Ayn-Rand-Verehrer zum obersten Richter der Nation ernannte.

Die 1905 als Alice Rosenbaum in St. Petersburg geborene Ayn Rand war Tochter eines jüdischen Apothekers. Sie erlebte die Oktoberrevolution und den Bolschewismus als Grund für den Verlust von Wohlstand und Prestige ihrer Familie. Das Ziel der Kommunisten interpretierte sie als die Preisgabe jeder menschlichen Individualität zugunsten einer knechtischen Existenz im Dienste des Staates. Schaudernd stellte sie sich eine Zwangsherrschaft der Armen und Analphabeten über die kreativen intelligenten Menschen und die Eliminierung von Geist, Wissenschaft und Kultur vor. Das Fundament des für die spätere Philosophin typischen Gut-Böse-Dualismus aber war damals schon gelegt. Mit neun Jahren las sie eine Abenteuergeschichte für Knaben, deren Oberschurke ein gegen die britische Kolonialherrschaft rebellierender indischer Fürst war. Seine Schergen hielten den englischen Offizier Cyrus gefangen. Diesem gelang nicht nur die Flucht, sondern auch die Rettung einer blonden Jungfrau aus den Klauen der Barbaren. Die äußere Erscheinung des Engländers in der Illustration der Geschichte, sagte Rand später, sei zum Mann ihrer Träume und zum Helden all ihrer Romane geworden.

Ayn Rand schlug sich zu Beginn ihres Exils als Statistin, Filmausstatterin und Drehbuchschreiberin für Hollywoodfilme durch. 1936 veröffentlichte sie ihren ersten Roman „We, the Living“, der die tödlich endende Flucht einer jungen Antikommunistin vor den bolschewistischen Häschern beschreibt. Erst nach dem Krieg erfuhr die Autorin, daß die italienische Faschistenregierung die Zustimmung zu einem Raubfilm im Dienste der antikommunistischen Propaganda gegeben hatte. Obwohl Rand beanspruchte, dem Faschismus ebenso feindlich wie dem Kommunismus gegenüberzustehen, hatte ihre Philosophie den Faschisten einiges zu bieten.

Nach dem Kolonialhelden Cyrus waren die mitleidslosen Übermenschen des Nietzschekultes zu ihren Leitfiguren geworden. Als gut galten ihr seither die Starken, Intelligenten, Gesunden, Glücklichen und Schönen, die sich von der dumpfen Masse, den „unzivilisierten Horden auf Erden“, durch kulturschaffende Kreativität unterscheiden. Der Fortschritt verdankt sich demnach einzig einer kleinen Minderheit von Ausnahmepersönlichkeiten oder Genies, denen der Rest der Menschheit tributpflichtig zu sein hat. In einer Gesellschaft, die nur den Auslesegesetzen des Marktes gehorcht, würde sich die wohlverdiente Privilegierung dieser heroischen Minderheit von selbst herstellen. Nicht so in einer mit dem Übel des Kollektivismus oder auch nur des Sozialstaates geschlagenen Welt, in der laut Ayn Rand die Mittelmäßigen, die Imitatoren und die geistigen Schmarotzer herrschen.