Von Slavenka Drakulić

An einem regnerischen Vormittag sitze ich in ihrem Wohnzimmer mit handgestrickten Gardinen und Deckchen und staune über einen gewaltigen Berg Bügelwäsche. Jelena Lovrić, seit über zehn Jahren die bekannteste politische Journalistin im ehemaligen Jugoslawien und im heutigen Kroatien, lacht. Jawohl, sie bügelt alles, sogar Handtücher, Laken und Kopfkissenbezüge, wie früher meine Großmutter. Jelena gibt sogar zu, nach alter Hausfrauentradition jeden Tag eine Suppe zu kochen. Doch dann sind da auch die Berge von Zeitungen, sie türmen sich überall – im Flur, im Wohnzimmer, auf dem Fußboden des Schlafzimmers. Sie ist beides: das brave Mädchen aus dem kleinen bosnischen Dorf Lukovać (ihre Eltern zogen, nachdem sie ausgebombt waren, im Juni nach Zagreb) und couragierte politische Journalistin. Nun hat diese Frau – 44 Jahre alt, alleinerziehende Mutter und seit zwanzig Jahren im Journalismus – keinen Job mehr. Sie ist mit ihren zwanzig Kollegen vom politischen Magazin Danas, das kürzlich durch Intervention der Regierung zur Aufgabe gezwungen wurde, beim Arbeitsamt gemeldet und kriegt Sozialhilfe.

Jelena sitzt in einen Sessel gekuschelt, an ihrer Seite Hund Lino, der um Aufmerksamkeit bettelt, während ihr Sohn Andrej laut die neuesten Attacken aus den Zeitungen vorliest. Ich kann mir in diesem Moment kein Journalistenschicksal vorstellen, das widersinniger und zugleich exemplarischer wäre. Es steht nicht nur für das, was mit Danas, dem Symbol einer unabhängigen, professionellen Zeitung, geschehen ist, sondern auch dafür, wie tief der Journalistenberuf in Kroatien gefallen ist. Er hat seine Moral und den letzten Rest an Solidarität verloren, seinem Prinzip abgeschworen, sich nicht als Lautsprecher einer regierenden Partei herzugeben.

Andrej liest uns den Artikel eines Mannes vor, der noch vor drei Jahren, als Jelena die höchste Auszeichnung für ihre Arbeit bekam, ihren Stil und ihren Mut in den höchsten Tönen lobte. Heute, als politisch „Bekehrter“, spricht er von ihrer „beruflichen Tragödie“ und vergleicht ihre Arbeit mit „einer ausgedienten Kutsche im Zeitalter des modernen Automobils“.

Journalisten unterwerfen sich nunmehr einem „inneren Reinigungsprozeß“, der dem so simplen wie eingängigen Prinzip folgt: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“. Jelena Lovrid und Danas dagegen haben sich zuschulden kommen lassen, ihrem Berufsethos treu geblieben zu sein. Sie haben sich verhalten, als sei die Demokratie in Kroatien nicht nur Worthülse, sondern real existierende Option. Das ist Jelenas Paradox. Sie ist heute Verliererin und müßte eigentlich Gewinnerin sein, denn sie kämpfte mit Danas an der vordersten Front für die Demokratie – nicht einmal ihre Feinde konnten dies widerlegen. Einst wurde ihr von der kommunistischen Führung wegen „verbalen Vergehens“ mehrmals der Prozeß gemacht. Man suspendierte sie, drohte ihr mit Gefängnis und Arbeitslosigkeit.

Sie war eine der ersten, die den serbischen Präsidenten Slobodan Milošević wegen seines Vorgehens gegen die Albaner in Kosovo kritisierten. Es gab einen Skandal, als sie ihn 1989 mit Ceauşescu (der damals noch nicht gestürzt war) verglich. Jemand hat einmal gesagt, sie sei die am heftigsten Attackierte ihres Berufsstandes, und das ist vielleicht die Wahrheit.

Nach den Wahlen kritisierte sie die neue kroatische Führung und die machthabende Partei, schrieb über ihr Demokratieversprechen, über Korruption an der Spitze und darüber, wie man sich am Waffenschmuggel bereichere – besonders, nachdem Vukovar gefallen war. In den Regierungsmedien wurde sie bezichtigt, gegen die Unabhängigkeit zu sein, Serbien und Kroatien, Täter und Opfer, gleichzusetzen. In Serbien nannte man sie wegen ihrer Kritik an Milošević eine Ustascha, im neuen kroatischen Staat beschimpfte man sie als jugo-nostalgisch, pro-serbisch, pro-kommunistisch, kurzum als Chetnik. Aber das Problem lag ganz woanders: Sie weigerte sich, sich einer nationalistischen Ideologie unterzuordnen, denn Nationalismus und Demokratie, davon ist sie überzeugt, können keine fruchtbare Allianz eingehen. In dem Dilemma der kroatischen Intellektuellen, ob man seine Regierung in Kriegs- und Krisenzeiten kritisieren oder die Diskussion lieber aufschieben solle, steckt sie nicht. Sie sieht überhaupt keinen Grund, ihr unabhängiges Denken zu ändern.