Von Christian Tenbrock

Orange County, sagte Ronald Reagan einmal, sei der Ort in Amerika, wohin sich Republikaner zurückziehen, um zu sterben. Am 3. November allerdings könnte die konservative Hochburg im Süden Kaliforniens auch der Platz sein, an dem der Republikaner George Bush seine Hoffnungen darauf begraben muß, im Weißen Haus in Washington zu bleiben.

Sollte Bill Clinton in zehn Tagen die Präsidentschaftswahlen gewinnen, wird hier, im Vorstadtbrei südlich von Los Angeles, ein guter Teil der Antworten auf die Frage zu finden sein, warum der Demokrat erfolgreich war. Umgekehrt bietet Orange County das vielleicht beste Beispiel für die Gründe, warum die Präsidentschaft von George Bush und seine Wahlkampagne scheitern mußten – namentlich also der schlechte Zustand der amerikanischen Wirtschaft und die Unsicherheit, die unter Amerikas Wählern über ihre eigene Zukunft und die ihres Landes herrscht.

Daß die Region, zu deren größten Attraktionen neben kilometerlangen Stränden am pazifischen Ozean auch Disneyland gehört, eine Rolle bei der Niederlage eines republikanischen Präsidenten spielen könnte, galt noch vor wenigen Monaten als im vorstellbar. Im goldenen Bundesstaat Kalifornien war Orange County lange eine der strahlendsten Enklaven. Zwischen zehnspurigen freeways und riesigen Einkaufszentren lebte hier in endlosen Reihen kleiner Einfamilienhäuser der alte amerikanische Traum von Aufstieg und Erfolg.

Die Republikaner nährten diesen Traum – und fuhren dafür politisch gute Ernten ein: Nicht ein einziges Mal, seitdem Franklin D. Roosevelt 1936 das Rennen um die Präsidentschaft in Amerika gewann, wählte Orange County demokratisch. Selbst der Name des Flughafens steht für die konservative Grundhaltung der 2,5 Millionen Menschen, die hier leben: Sie nannten ihn nach dem rechten und aufrechten Western- und Kriegshelden John Wayne.

"Bei uns einen Wähler zu finden, der sich offen zu den Demokraten bekennt", notiert ironisch der rechtsgewirkte republikanische Politiker Gil Ferguson, "war ungefähr so wahrscheinlich, wie eine Hure beim Kirchgang zu erwischen." Vor vier Jahren siegte George Bush mit 300 000 Stimmen Vorsprung. Allein dadurch konnte er gegen Michael Dukakis auch ganz Kalifornien gewinnen. Jetzt aber liegen Bush und Bill Clinton in der Wählergunst im County praktisch gleichauf. In Kalifornien insgesamt hat der Demokrat einen Vorsprung von rund zwanzig Prozentpunkten. Damit winkt ihm der größte Preis, der bei den Wahlen in den USA zu vergeben ist: 54 der zum Sieg insgesamt notwendigen 270 Stimmen im Wahlmännergremium, das über den nächsten Präsidenten Amerikas entscheidet.

Selbst alte Republikaner kehren Bush den Rücken. Einem politischen Erdbeben kam es gleich, als sich im Sommer die in Orange County weithin bekannten Unternehmer Kathryn Thompson und Roger Johnson öffentlich für Clinton erklärten. Beide hatten niemals zuvor für einen demokratischen Präsidentschaftskandidaten gestimmt. "Bush ist taub für unsere wirtschaftlichen Probleme", begründet Thompson, die Chefin einer großen Baufirma, ihre Wahl. Der Präsident und seine Berater hätten keine Ahnung von dem, was im Lande wirklich passiert, fügt Johnson hinzu, der die High-Tech-Firma Western Digital leitet. "Clinton dagegen kennt die Probleme."