Vor Wut „in die Luft gehen“ könnten viele Passagiere, die wegen Überbuchung eines Linienfluges auf dem Boden bleiben müssen. Was wenige wissen: In Europa haben sie Anspruch auf Entschädigung.

Freiwillige gesucht“, tönte es aus dem Lautsprecher von Northwest-Airlines auf dem Bostoner Flughafen. Der Flug nach Frankfurt war hoffnungslos überbucht. Mit einem Gutschein in Höhe von 300 Dollar belohnte die Airline die volunteers. Dafür verzichteten sie auf den gebuchten Sitzplatz im Direktflug, mußten einen Umweg über Amsterdam und drei Stunden Verspätung in Kauf nehmen.

Das sogenannte overbooking ist inzwischen weltweit üblich, da es sich für die Fluggesellschaften rechnet. Zwischen zehn und zwanzig Prozent der Passagiere, die einen Flug gebucht haben, erscheinen erfahrungsgemäß nicht am Schalter. Um nicht mit leeren Plätzen in die Luft zu gehen und damit Geld zu verlieren, buchen die Airlines von vornherein mehr Passagiere auf einen Flieger, als Sitzplätze vorhanden sind.

Reisende, die das Nachsehen haben, können sich inzwischen auf besondere Rechte berufen, die in einer EG-Verordnung festgelegt sind. Wer auf einem Flughafen der zwölf Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft sitzenbleibt, darf neben der Umbuchung auf einen späteren Flug auch eine Entschädigung fordern.

Die Höhe des Betrags ist genau geregelt. Demnach müssen bei Flügen unter 3500 Kilometern und mit einer Verspätung von bis zu zwei Stunden 75 Ecu oder umgerechnet 150 Mark bezahlt werden und maximal 300 Ecu (rund 600 Mark) bei Langstreckenflügen mit einer Verspätung von mehr als vier Stunden. Der finanzielle Ersatz für erlittene Unbill kann umgehend in bar an den Reservierungs- oder Ticketschaltern eingefordert werden.

Zudem haben die Passagiere Anspruch auf kostenlose Verpflegung und gegebenenfalls ein Hotelzimmer. Erstattet werden darüber hinaus die Kosten für Telephongespräche zum Reiseziel. Alle Details sind in einem Merkblatt „Entschädigung für verweigerte Beförderung / Compensation for Denied Boarding“ notiert, das an den Schaltern der Fluggesellschaften erhältlich ist. Darin ist auch nachzulesen, wer bevorzugt befördert wird: Behinderte und alleinreisende Kinder.

Die Zahlung der Entschädigung ist freilich an einige Bedingungen geknüpft. Bezahlt wird nur bei Linienflügen. Als Linienflüge gemäß der EG-Verordnung gelten allerdings auch Verbindungen, die zwar nicht im offiziellen Flugplan verzeichnet sind, aber regelmäßig und häufig bedient werden, beispielsweise nach Palma de Mallorca und Antalya. Bei den sogenannten Campingflügen haben die Passagiere jedoch das Nachsehen, für sie gibt es keine Entschädigung. Das gilt auch für Reisende, die zu Niedrigtarifen fliegen oder zu spät zum Flughafen gekommen sind. Bei Langstreckenflügen sollten die Passagiere spätestens eine Stunde vor Abflug erscheinen.

Außerhalb der Grenzen Europas greift die EG-Verordnung ebenfalls nicht mehr. Es gibt weltweit keine einheitliche Regelung bei overbooking, das Warschauer Luftverkehrsabkommen (WA) sieht keine Entschädigung bei Nichtbeförderung von Passagieren vor. In den USA sind die Fluggesellschaften unterschiedlich kulant, die Höhe der Gutscheine für volunteers variiert. Es lohnt sich auf jeden Fall nachzufragen, ehe man vor Wut abhebt. Brigitte Spitz