Von Darren Nolan

BERLIN. – Für einen Englinder, der zur Zeit in Deutschland lebt und als Journalist tätig ist, sind das verwirrende Zeiten.

Die Schlagzeilen: Willy Brandt ist tot; Bundestag debattiert über eine Änderung des Asylrechts; George Tabori gewinnt den Büchnerpreis und macht eine Liebeserklärung an die Deutschen.

Wem ich als langjähriger Freund dieses Landes an den verstorbenen Brandt denke oder Taboris Rede anläßlich der Preisverleihung lese, bin ich sicher, daß mir ein ruhiger Schlaf unter deutschen Dächern vergönnt sein wird. Wenn mir aber die Buidestagsdebatte einfällt, bin ich um den Schlaf gebracht.

Bei Brandt handelt es sich um einen ehemaligen Flüchtling. Er floh nicht nach Deutschland, sondern als Deutschland nach Norwegen. Bei George Tabori handelt es sich sowsagen um einen Gastarbeiter: Ein ungarischer Jude mit britischem Paß, der auf englisch schreibt, gewinnt den höchstdotierten deutschen Literaturpreis. Bei der jetzigen Generation von deutschen Politikern handelt es sich um Deutsche in vollem Besitz aller Staatsbürgerschaftsstempel. Nur eines fehlt ihnen, und zwar der moralische Stempel.

Brandts politische Linie war in sein Gesicht gezeichnet. Leider können wir dieses Gesicht nicht mehr anschauen, aber seine Photos haben wir in der letzten Woche im Blätterwald sehen können. „Die leidenschaftlichsten Patrioten“, hat mir einmal Wolf Biermann gesagt, „sind diejenigen, die aus unerwiderter Liebe patriotisch sind.“ Er meinte damals die alten deutschen Juden, die 1991 in Jerusalem zu seinem ersten Konzert in Israel gekommen waren, um „die alten Lieder“ wieder zu hören. „Um Deutschland zu lieben“, meinte Biermann, „muß man gelitten haben.“ Er wußte, wovon er sprach. Auch Tabori. Auch Brandt.

Aber vergangene Woche im Bundestag habe ich erstmals den Auftritt der Deutschland-Liebhaber neuer Prägung erlebt. Ich möchte das als die Coming-out-Party der deutschen Neuen Rechten bezeichnen. Um den leeren Sitz Brandts mit verwelkendem Blumenkranz herum sitzt eine neue Generation deutscher Politiker. Viele von ihnen genießen „die Gnade der späten Geburt“. Brandt litt unter der Ungnade nicht nur der unehelichen Geburt, sondern auch der zu frühen Geburt. Vergangenen Samstag wurde dieser von Gnade nicht Verwöhnte in der wiedergeborenen Hauptstadt Deutschlands von vielen der „Begnadeten“ gewürdigt. „Deutschland wird ihn nie vergessen“, hat man gehört. Das glaube ich. Aber die Generation der „Begnadeten“ beweist sich momentan als Weltmeister im Vergessen.