Wie auch immer das Verfahren gegen John Demjanjuk vor dem Jerusalemer Gericht ausgehen mag – mit Freispruch wegen erwiesener Verwechslung des Angeklagten oder Strafe wegen erwiesener Schuld –, die vielen lautstarken Fürsprecher einer Einstellung aller Judenmordprozesse machen viel Lärm um fast nichts. Obendrein ist dieser eine zweifelhafte Fall, den sie anführen, um gleich alles mit einem Federstrich zu erledigen, das schlechteste Objekt, das sie sich für ihren Kehraus wählen konnten.

Denn dieser Fall ist, wenn denn alle nachgelieferten Aufhellungen zutreffen sollten, wofür vieles spricht, ein Casus des Kalten Krieges. Mit ihm wollten die Sowjets damals den Amerikanern und in ihrem Gefolge den Israelis ein Ärgernis bereiten, nichts anderes. Also ist die Absicht abwegig, den kleinen Schlußstrich unter die vermutlich propagandistische Akte Demjanjuk zu einem großen Schlußstrich unter alle Judenmordprozesse vor der bundesdeutschen Justiz vor allem zu verlängern – und damit zugleich alle vollstreckten Urteile nachträglich in Zweifel zu ziehen. Sie ist ferner abwegig, weil Mord nach unserem Recht nicht verjährt. Oder sollte etwa auch der greise Mädchenschänder seinem Richter entkommen, sollten etwa auch die Todesrichter der Waldheim-Prozesse selbst nach vierzig Jahren ungeschoren davonkommen dürfen? Milde Urteile, gar Haftverschonung wegen hohen Alters oder körperlicher Gebrechen kann es nach einem Verfahren geben, nicht im Vorwege. Die Opfer leben noch. Sollen sie etwa durch vorauseilende Nachgiebigkeit ein zweites Mal gefoltert werden? Gnade ist erst statthaft nach dem Eingeständnis von Schuld.

Abwegig ist der billige Ruf nach dem generellen Ende solcher späten, oft zu späten Prozesse auch aus diesem Grund: Es gibt ohnehin kaum noch große NS-Prozesse. Mehr als vierzig Jahre danach sind alle großen Mordkomplexe längst abgeurteilt. Gelegentlich werden noch Morde "am Rande" des Massenverbrechens verhandelt. Es fehlen allzuoft die Angeklagten, die Zeugen. Sie sind gestorben, nicht länger straf- oder aussagefähig. Nicht das Sühneverlangen ermattet mit der Zeit, der Strafzwang erlischt mangels entdeckter Taten und aufgespürter Täter – die "biologische Lösung". Ein grausames Kapitel der Geschichte erledigt sich so von selbst. Es gibt nur noch Nachworte zu diesem Jahrhundertmord von Auschwitz, Treblinka und Sobibor. Die aber bleiben notwendig.

Dietrich Strothmann