Von Benjamin Henrichs

Die bekannte Geschichte: Es gab einmal das Staatstheater. Es lebte lange und in Ehren. Doch als es kam zu sterben, betrat plötzlich der rettende Feind die Bühne. Das Gegenstaatstheater, das Antitheater. Es zerschlug das Staatstheater in Stücke – und spielte vergnügt mit den Trümmern.

Aber nach einer schönen Weile wurde das Antitheater des Zertrümmerungsspiels müde. Es wurde ihm langweilig, und aus lauter Langeweile wurde es hart, grau und böse. Das Antitheater bekam einen Bart, und es wuchs ihm ein Bierbauch. Das alles ging erschreckend schnell. Das Staatstheater konnte lange im Zustand des Untotseins überdauern. Das Antitheater, zur Jugendfrische verdammt, war zum schnellen Altern verurteilt. Am Ende der bekannten, traurigen Geschichte sah das Antitheater wie der ramponierte Doppelgänger, der verwilderte Zwillingsbruder des alten Staatstheaters aus. Und es wurde Zeit für wieder ein anderes Theater.

Natürlich gibt es viel bessere Geschichten als diese allzu bekannte. Wo das Theater wirklich lebt, da kümmert es sich um das betagte Ritterduell zwischen Staatstheater und Antitheater überhaupt nicht. Nach einer Kleist-Inszenierung von Grüber, nach einem Marivaux von Bondy oder Chéreau, nach einem Shakespeare von Peter Brook darüber zu räsonieren, ob dieses Theater modisch sei oder altmodisch, politisch oder unpolitisch, ob man unsere Klassiker auf der Bühne wiedererkennen oder besser niederbrennen soll, käme einem fad und lächerlich vor. Doch das sind die seltenen Glückstage des Theaters.

An den normalen Unglückstagen werden noch immer die alten Scheingefechte und Geisterkämpfe ausgetragen. Zum Beispiel jetzt in Berlin und Hamburg, wo innerhalb einer Woche zwei deutsche Intendanten, Frank Castorf von der Volksbühne (Ost) und Jürgen Flimm vom Thalia Theater, ihre Version von Shakespeares „König Lear“ vorführten.

Die eine Aufführung, in Hamburg: so brav geschniegelt, gebügelt und gescheitelt, wie nur das Staatstheater sein kann. Die andere, in Berlin: so wild, so unflätig und so zerrissen, wie man es vom Antitheater einfach erwartet. Jürgen Flimm wagt beinahe gar nichts. Frank Castorf traut sich nahezu alles. Castorf scheint den Shakespeare massakrieren zu wollen, Flimm staubt ihn nur ein bißchen ab. Der eine Intendant spielt den wilden Stadtindianer, der andere die tüchtige Hausfrau.

Verschiedener können, zwei Aufführungen nicht aussehen. Ähnlicher können sie einander nicht sein. Shakespeare, armer Shakespeare.