Von Joachim Fritz-Vannahme

Bonn! Berlin

Endlich trugen die Bonner Hofberichterstatter ihren Namen einmal zu Recht. War es nun einfach himmelblau, oder war es türkis oder mintfarben, das Kostüm der Queen am Tag ihrer Anreise? Fielen der Hofknicks von Frau X, die Verbeugung von Herrn Y auf der Treppe von Schloß Augustusburg nun zu knapp oder zu übertrieben aus? Was haben wir Zaungäste in diesen königlichen Stunden nicht gelernt über die britische Ahnentafel und das deutsche Protokoll und über Georg aus Hannover, der weiland in Westminster zum King George I. gekrönt wurde. Oder über den Händedruck der Queen, der mal ausfallen kann, wenn die Glieder von der vielen Präsentation ermüden, weshalb auch die Benimmregel vorschreibt, bei dieser Geste immer der hohen Dame die Initiative zu überlassen. Und dann dieses Glitzern auf Balthasar Neumanns Barocktreppe: Diadem und Diamanten warfen ihren Lichtschein bis in die Wohnzimmer der Republik.

So viel Staat ist hierzulande nur mit einer Königin zu machen. Irgendwo in einem fernen Herzenswinkel muß diese Bundesrepublik eine heimliche Monarchie geblieben sein, selbst wenn der letzte Kaiser 1918 auf seiner Flucht nach Holland alle hoheitsvolle Haltung hinter sich ließ ...

An diesem Montag war die Welt noch in Ordnung. Dresden, der Gottesdienst im Zeichen von reconciliation and remembrance (Versöhnung und Erinnerung) und die tiefsitzende Angst vor einem Zwischenfall lagen noch fern. Seit Wochen schon fieberte eine gewisse Londoner Journaille diesem deutsch-britischen Gebet in der Kreuzkirche entgegen, nicht aus frommer Inbrunst, sondern aus frömmelnder Berechnung. Selbst der seriöse Independent ließ sich am Wochenanfang anstecken. "Angst um die Königin nach einem deutschen Angriff", war der Bericht aus Bonn auf der Titelseite überschrieben; er verknüpfte mit solch lakonischer Kürze den Überfall auf Vietnamesen in Thale mit den Dresdner Sicherheitsvorkehrungen für den Gottesdienst.

Noch war kein Skinhead – aus eigenem Antrieb oder auf fremdes Verlangen – vor der Kreuzkirche aufgetaucht, da bekamen die deutschen Neonazis in britischen Blättern auf diese Weise schon ihre Schlagzeilen im Schatten der Queen. Dieses lustvolle Lauern auf den Zwischenfall wurde zu Anfang dieses Staatsbesuches überspielt durch jene herzliche Lässigkeit, die in Bonn und Berlin zwischen Deutschen und Briten geflissentlich gepflegt wurde.

Ausgerechnet Dresden! Symbol für eine gewisse unverbesserliche Rechte war es, ist es, nicht nur in Deutschland, sondern auch in England. Die Queen dürfe dorthin nicht reisen, das sähe ja ganz nach Kniefall und Entschuldigung aus, forderte unlängst der Leitartikler des Sunday Telegraph. Vom Währungsstreit, vom "Krieg der Worte, ohne daß es zuvor eine Wortkriegserklärung gegeben hätte" (Weizsäcker), war man da noch weit entfernt. Die Queen wollte trotzdem nach Dresden und mit der Schwelle zur Kreuzkirche bewußt eine Trennlinie der Vergangenheit überschreiten. Die grausame Bombardierung von Dresden war schließlich nicht die Entscheidung eines subalternen "Bomber-Harris", sondern eines Winston Churchill, den die Deutschen zu Recht als Bezwinger Hitlers bewundern. Und dessen Entscheidung läßt sich heute mit richtig oder falsch, notwendig oder überflüssig allein nicht so einfach erklären.