Sein Name fällt allenfalls dann, wenn vom jungen Robert Walser gesprochen wird: Josef Viktor Widmann ist nämlich (unter anderem) der Entdecker Walsers. 1898 hat er, als Feuilletonredaktor der Berner Tageszeitung Der Bund, die ersten Gedichte des „zwanzigjährigen Handelsbeflissenen“ veröffentlicht. Aber Widmann war auch ein nicht immer unkomplizierter Freund von Carl Spitteler. Mit Johannes Brahms war er gut befreundet, die beiden unternahmen zusammen drei Reisen in Italien. Engen Kontakt pflegte er auch zu Ricarda Huch – und nun ließe sich leicht eine imponierende Namensliste hinschreiben, quer durch die kulturelle Creme des späten 19. Jahrhunderts. Das wäre eine lange Liste. Sehr viele Namen, die heute noch geläufig sind, stünden darauf, aber auch vergessene. Daß er, der unermüdlich auf Literaten, Musiker und Künstler hingewiesen, sie ermutigt und publiziert hat, daß also auch J.V. Widmann (1842 bis 1911) selber immer noch erstaunen kann, als Kritiker, Streithahn und Dichter, das zeigen Elsbeth Pulver und Rudolf Käser in ihrer „Biographie in Bildern und Texten“ (Josef Viktor Widmann – Ein Journalist aus Temperament, Zytglogge Verlag, Bern 1992, 306 S., 35,– DM). Widmann war zwischen 1880 und 1911 Feuilletonredaktor. Er schrieb nicht nur literarische Kritiken – eine Neuerscheinung von Nietzsche besprach er zum Beispiel in dreizehn Folgen –, sondern verstand Kultur in einem umfassenden Sinn und sah im Feuilleton einen Ort, wo auch politische Fragen diskutiert werden sollten. Ob es um Umweltfragen ging, um Tourismus (dessen Folgen er kritisierte), um Prügelstrafe (lehnte er ab) oder um Frauenstimmrecht (befürwortete er), immer schrieb ein scharfer Denker und origineller Polemiker. Wie er daneben noch (und gar nicht nebenher) ein umfangreiches literarisches Werk schaffen konnte, scheint ein Rätsel. Mehrere Libretti schrieb er, Erzählbände (fünf), Reisebücher (sieben), Dramen (vierzehn), Textbücher zu Opern und anderen musikalischen Werken. Überraschend sind die Aufsätze und die literarischen Kritiken Widmanns, in denen man auf einen Autor trifft, der mit einer Vitalität begabt war, die auch heute noch den Atem verschlägt. Martin Zingg