Wie sag ich’s meinem Mitglied? Darüber macht sich meine Ersatzkasse alle paar Jahre wieder, wenn es gilt, die Beitragssätze anzuheben, viel liebevolles Kopfzerbrechen. Meine Ersatzkasse kann da sehr rücksichtsvoll und sehr überzeugend sein. Wer zum Beispiel das „Editorial“ überschriebene einfühlsame Wort zur aktuellen Beitragsanhebung in der jüngsten Ausgabe der Mitgliederzeitschrift meiner Ersatzkasse gelesen hat, der weiß: Die Erhöhung war unvermeidlich, leider, auch in dieser Höhe.

Denn meine Ersatzkasse muß leistungsfähig und leistungsbereit bleiben. Wenn aber die Ausgaben pro Mitglied mehr als doppelt so stark steigen wie die Einnahmen, dann hält das auch die stärkste Kasse – und das ist, hoffe ich, meine Ersatzkasse – nicht durch. Also: Es klafft eine riesige Lücke in den Finanzen meiner Kasse. Die Lücke muß geschlossen werden.

Dabei gab es, worauf meine Kasse mit Recht verweist, in diesem Jahr weder eine Grippewelle noch eine Epidemie; weder Krieg, Pest noch riesige Katastrophen haben Deutschland heimgesucht, auch kann sich der Gesundheitszustand der Deutschen nicht von 1990 – da hatte meine Kasse den Beitragssatz noch gesenkt – bis jetzt so dramatisch verschlechtert haben. Nein, das kann er nicht. Wenngleich: Für einen winzigen Moment hätte der Leser an dieser Stelle schon fürchten können, die Kasse werde mit spitzem Finger auf ihr Mitglied zeigen. Schreck laß nach!

Zum Glück kennt meine Kasse den ihr und mir einzig einleuchtenden Grund: Es herrscht Überkapazität im Gesundheitswesen. Es gibt zu viele teure High-Tech-Geräte in den Praxen und Krankenhäusern. Die müssen eingesetzt werden, damit sich die teure Anschaffung amortisiert. Da werden dann Patienten buchstäblich „auf den Kopf gestellt“, diagnostiziert und therapiert ad infinitum, „damit auch der letzte Zweifel ausgeräumt ist“. Auf der anderen Seite: Patienten, durch sensationelle Berichte in den Massenmedien alarmiert, verschreckt und geängstigt, die ihrerseits auch das allergeringste Risiko ausgeschlossen sehen möchten. Das Ergebnis „kennen Sie alle aus Ihrem Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis: Man hat nichts gefunden, aber wenigstens ist es kein...“ Verständlich, nachvollziehbar, nur sehr, sehr kostentreibend, sagt meine Kasse. Sie ist kein Unmensch. Was bleibt ihr? Ihre Hoffnung, daß ich liebes Mitglied Verständnis habe für ihre Entscheidung.

Habe ich, das versteht sich doch von selbst. Wie die Dinge liegen, sind wir zwei, meine Kasse und ich, ja fast die einzigen, die in dieser Sache einander nichts vorzuwerfen haben. In aller Unschuld stehen wir da, hilflos ausgeliefert den sensationellen Berichten der Massenmedien und der unersättlichen Nachfrage der Überkapazitäten.

Und es wird schlimmer von Tag zu Tag. Nicht genug damit, daß es heute schon erheblicher Charakterstärke bedarf, dem Reiz des alltäglichen Sonderangebots zu entsagen, das uns aus den Auslagen der diversen Leistungsanbieter anlacht – immer größer wird die Zahl derer, die an den Hecken und Zäunen des Medizinbetriebs gesundheitsstrotzenden Ersatzkassenmitgliedern auflauern mit der verführerischen Nachfrage: Heute schon auf dem Kopf gestanden?

Damit das klar ist: Mit mir nicht, Herr Doktor! Schon jetzt also meine dringende Bitte: Sagen Sie mir zu gegebener Zeit, was ich als kostenbewußtes Kassenmitglied von Ihnen als meinem verantwortungsbewußten Arzt erwarten darf. Sagen Sie mir, was zu sagen ist: Daß ich gefälligst weniger fressen, weniger saufen, weniger rauchen soll. Aber bleiben Sie mir mit Ihrem High-Tech vom Leibe. Und sollten Sie je auf die Idee kommen, bei mir einen letzten Zweifel ausräumen zu wollen – ich mache da nicht mit. Sie können das meiner Kasse einfach nicht antun.

Ob ich dem Druck der geballten medizinischen Nachfrage freilich auf Dauer widerstehe – ich weiß es nicht. Und offengestanden: Das macht mich ganz krank. Aloys Behler