„Nemmersdorf!“ Ende der sechziger Jahre tauchte es wieder auf. Wurde der rebellischen Jugend entgegengeschleudert, die nach Auschwitz fragte und dem Vernichtungskrieg im Osten. Zur Verteidigung versuchten viele der Angeklagten von eigenem Leid zu sprechen, von den Bombennächten, von Stalingrad und eben den Greueln in Ostpreußen. Das war gewiß keine Antwort. Die Kinder wollten nichts davon hören, solange die Mittäterschaft ihrer Eltern und Lehrer an den Nazi-Verbrechen nicht aufgeklärt war.

Karl F. war noch zu jung, seine Kinder waren noch zu klein für diesen Generationenkonflikt. Doch er hat sich „eine Meinung zurechtgelegt“, etwa so: Auschwitz und Nemmersdorf haben nichts miteinander zu tun. Jedes Verbrechen stehe für sich, sei sozusagen direkt zu sich selbst. Mit der Studentenbewegung und vor allem mit der neuen Ostpolitik kam ihm, mit etwa vierzig Jahren, Nemmersdorf ins Bewußtsein zurück.

In dem schwierigen Prozeß der Wiederannäherung an die östlichen Nachbarn galten die Vertriebenen als Störenfriede. Sie, das heißt ihre Verbände, waren es auch. In dieser Debatte ging es weniger um Besitzrechte als um das Recht auf Geschichte. Die Befürworter der Entspannungspolitik meinten, bloßes Sprechen über den Verlust behindere die Aussöhnung. Als 1974 eine neue, vom Bundesvertriebenenministerium in Auftrag gegebene Dokumentation der Vertreibung fertig wurde, unterdrückte die SPD/FDP-Regierung die Veröffentlichung. Das große, längst fällige Schuldbekenntnis verlangte offenbar als Junktim das Tabu: Seit Willy Brandts Kniefall in Warschau war Nemmersdorf zu einem friedensgefährdenden Unthema geworden.

Provoziert durch die Politik, fühlte sich Karl F. in den siebziger Jahren mehr und mehr als Ostpreuße. Ihm wurde klar, wieviel Demut und Anpassungsbereitschaft ihm und seinen Landsleuten abverlangt worden war. Nach dem Tode seines Vaters übernahm er mit dem Erbe auch die geistige Hinterlassenschaft. Er besuchte die Versammlungen der schrumpfenden Landsmannschaft, arbeitete seine Lücken in Heimatkunde auf. Er bemerkte dabei und gestand sich ein, daß er seine Kindheit und auch den Schrecken nie richtig losgeworden ist. Als die Bilder vom Afghanistankrieg durch die Medien gingen, träumte er von Ostpreußen 1945 und wachte auf vom Gestank der Verwesung. Unter Landsleuten konnte er darüber sprechen. Oft genügten Andeutungen oder einfach das Wissen, daß sein Gegenüber Ähnliches mit sich herumtrug. Karl F. fühlte sich „gesünder“ seitdem, heiterer und endlich imstande, Trauer zu empfinden. Ein Thema allerdings war auch im engen Kreis tabu: die Vergewaltigung.

Erleichterung verschafften den Ostpreußen auch die Bücher sowjetischer Dissidenten, insbesondere Lew Kopelews „Aufbewahren für alle Zeit!“ Die Autobiographie beschreibt, wie auch für ihn, den jungen Major der Roten Armee und Kommunisten, der Kampf um Ostpreußen zum Ende seiner Welt wird. Aus der Perspektive der Gegenseite führt er vor Augen, unter welchen Umständen „Nemmersdorf“ geschah. Den Haß der Rotarmisten, die durch verbrannte Erde marschiert waren, die Tote zu beklagen hatten in jeder Familie. Die provozierende Wirkung des Wohlstandes im Feindesland und die Alkoholexzesse. Die Propaganda eines Ilja Ehrenburg: „Zittern soll das Mörderland!“ Und weiter zurück in der Geschichte der Sowjetunion: die Entwurzelung von Millionen von Menschen; die Ideologie, die Gewalt verherrlicht und die für ein Endziel alle Mittel heiligt. Kopelew erinnert sich, wie er selber an der Vernichtung der „Kulaken“ teilnahm und wie ihm beim Anblick der verhungerten Frauen und Kinder weder Scham noch Einsicht kam. Erst in Ostpreußen 1945 fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.

Solche Bücher und später dann die Perestrojka haben Karl F. jene Jahre noch näher gerückt. Das Alter, das nun kommt, und vor allem der Niedergang der Landwirtschaft ließen ihn Abstand nehmen von Südhessen, und die Öffnung der Grenzen zog seine Gedanken Richtung Ostpreußen und zu den Russen, die heute dort leben. Er lernte, sein Schicksal in einen neuen, säkularen Zusammenhang zu stellen. Im Verhältnis zur Katastrophe des Sowjetreiches, zu den Dutzenden von Millionen Toten, ist „Nemmersdorf“ 1944 ein winziger Punkt im All.

Im Vergleich zu den Siegern des großen Vaterländischen Krieges, die heute in Majakowskoje leben, hat der Verlierer Karl F. ein komfortables, ausgefülltes Leben gehabt. Die historische Vertreibung vom elterlichen Gutshof muß heute in Beziehung gesetzt werden zum bevorstehenden Verlust des Weingutes und zum Ende des Bauerseins überhaupt.