Sie haben Alarm geschlagen und verlangen eine schnelle Kurskorrektur für den wirtschaftlichen Aufbau Ostdeutschlands. Was läuft falsch?

SPÄTH: Der Hauptfehler war, daß wir unser in über vierzig Jahren gewachsenes Tarifvertrags- und Sozialsystem den neuen Bundesländern ohne Rücksicht auf ihre Ausgangssituation übergestülpt haben. Die Produktivität der ostdeutschen Wirtschaft beträgt nach wie vor nur 35 Prozent derjenigen der alten Länder, während das Lohnniveau inzwischen 70 Prozent erreicht hat. Die Lohnstückkosten werden denen in Westdeutschland noch weiter davoneilen, wenn im nächsten Frühjahr im Osten die zu erwartenden Lohnerhöhungen von 25 bis 30 Prozent wirksam werden.

Sie fordern für die Ost-Länder eine Abkehr vom System kollektiv vereinbarter Branchentarifverträge zugunsten einzelbetrieblicher Lohnabschlüsse. Würde ein solches Lohndumping bei stark gestiegenen Lebenshaltungskosten nicht zu einer weiteren Abwanderung jüngerer Fachkräfte führen?

SPÄTH: Diese Gefahr ist längst nicht mehr so groß, nachdem im Westen als Folge der rezessiven Entwicklung der Wirtschaft viele Unternehmen Personal abbauen. Wir müssen in den Ost-Branchen, die zusammenzubrechen drohen, die Löhne herunterkriegen. Im übrigen möchte ich die Abkehr von unserem Tarifsystem nur auf fünf Jahre befristen, damit gefährdete Betriebe erst einmal auf die Beine kommen.

Sie schlagen darüber hinaus aber auch Einschnitte in das soziale Leistungssystem vor.

SPÄTH: Wir dürfen nicht übersehen, daß das auf die Ost-Länder übertragene System der perfekten sozialen Absicherung dazu geführt hat, daß keine ausreichende Bereitschaft zur Eigeninitiative oder vorübergehender Übernahme auch weniger attraktiver Beschäftigungsangebote mehr besteht. Wir bekommen in Jena trotz einer hohen Arbeitslosigkeit schon jetzt keinen Bauarbeiter und keine Küchenhilfe. Die Differenz zwischen Arbeitslosenentgelt und erzielbarem Arbeitslohn muß größer werden. Wie wollen Sie den Bürgern Steuererhöhungen zumuten, wenn die lesen, daß wir Bauarbeiter aus Osteuropa in die neuen Bundesländer holen müssen.

Überfordern Sie mit diesen Vorschlägen nicht die Gewerkschaften, ohne deren Mitwirkung eine so einschneidende Veränderung unseres Lohnfindungssystems nicht durchsetzbar ist?

SPÄTH: Sie werden den Gewerkschaften ein solches Opfer nicht zumuten können, wenn Sie es nicht durch eine höhere Belastung der Besserverdienenden kompensieren. Doch bevor wir noch weiter in den Schlamassel hineingeraten, müßte ein Solidaritätspakt umgehend zustande kommen. Denn über eines sollte Klarheit herrschen: Wenn uns die Entwicklung im Osten aus dem Ruder läuft, wird darunter die wirtschaftliche Stabilität in ganz Deutschland leiden. eg