Ein auslaufendes Modell“: Unter dieser Überschrift beschrieb unsere Mitarbeiterin Christine Brasch den ehrenhaft gescheiterten Versuch, ihren zweijährigen Sohn von Wegwerf- auf Stoffwindeln umzustellen (ZEIT Nr. 41/92).

Die Windel, soviel hat sich inzwischen herausgestellt, ist ein weites Feld. Zahlreiche aktiv wickelnde Mütter fühlten sich zu einer Ehrenrettung der Mullwindel aufgerufen und schrieben uns. Wir lasen und staunten: seitenlange Ausführungen über die Mullwindel als ganz und gar nicht auslaufendes Modell. Kosten-Nutzen-Analysen, mit Strom- und Wasserverbrauch. Arge Verdächtigungen („Sie hat überhaupt nicht die Kompetenz, nach schlappen sechs Wochen ein angemessenes Urteil zu fällen“) und strenge Maßregelungen: „Jede halbwegs geschickte Mutter kommt mühelos mit den Bindewindeln zurecht und muß nicht die ‚italienischen‘ Windeln eine Woche lang in der Plastiktonne aufbewahren, um sie dann einem Windelservice anzuvertrauen. Sie wäscht jeden Tag selbst und verliert vor allen Dingen kein Wort darüber.“

Kein Wort darüber? Das hieße offensichtlich, eine der großen aktuellen Streitfragen zu ignorieren. Denn ob Wegwerf- oder Stoffwindel, das ist eine Entscheidung, die weit über die pragmatische Situation hinaus- und in die Umweltdebatte hineinweist.

„Da Höschenwindeln einen Anteil von 2,8 Prozent des Hausmülls ausmachen, also rund 400 000 Tonnen Müll im Jahr produzieren, sollten sich Eltern öfter dazu entschließen, mit Stoffwindeln zu wickeln. Schließlich bemüht man sich als aufgeklärter Bürger doch auch auf anderen Gebieten möglichst viel Müll zu vermeiden und nimmt dafür Unbequemlichkeiten in Kauf. Schade, daß der Artikel von Frau Brasch nicht dazu anregt, sondern interessierte Eltern eher mutlos macht“, schreibt Therese Well aus Tübingen. Mutlos nicht unbedingt, aber realistisch: Wenn schon Öko-Bilanz, dann muß auch festgestellt werden, daß Stoffwindeln nicht umweltneutral sind, sondern gewaschen werden müssen, was Energie und Wasser verbraucht.

Darüber hinaus aber wärmt die Mullwindel auch emotional. „Ich lege eine Mullwindel fast genauso schnell an wie eine Papierwindel. Übrigens sollte der Wickelvorgang nicht eine lästige Pflicht werden. Er sollte vielmehr von Spaß und Scherz begleitet sein. Ich behaupte, zu dieser positiven Einstellung trägt die Mullwindel bei“, schreibt Birgit Ergezinger aus Marburg.

Wickelrhythmus, Waschtemperaturen, Verpackungstricks, Hautallergien – nichts bleibt unerwähnt. Und freimütig kommen dunkle Punkte zur Sprache, die bislang in Leserbriefen völlig ausgeblendet wurden („Fremde Kacke stinkt auch fremd – wickeln Sie mal das Nachbarskind. Sie knutschen Ihr Baby ja auch sonst mal ab, warum dann solche Ekelgefühle vor ’ner nassen Windel?“ fragt Brigitte Seehaus.

P.S. Nicht überraschend übrigens, daß der bislang einzige männliche Briefschreiber weniger die praktische Bewältigung als das Ganze im Auge hatte, nämlich die gigantischen Kahlschlagflächen im Westen Kanadas, deren Holz „für ein extrem kurzlebiges Zelluloseprodukt verwendet wird: für Wegwerfwindeln eben. Gibt es da noch Zweifel bei der Wahl zwischen Papier oder Baumwolle?“ Theoretisch wohl nicht – in der Praxis aber finden Väter schnelle Wegwerfwindeln auch viel angenehmer als klamme Pipiwickel. Oder? DZ