Von Brigitte Spitz

Rose M. aus Hartford/Connecticut wirkte absolut zuverlässig. Bei den „Waltons“, der amerikanischen TV-Vorzeigefamilie, hätte sie mühelos die Großmutter spielen können. Und daß ihre zartrosa umrandeten Lippen nur die Wahrheit sprechen, daran hätte niemand gezweifelt. Nicht im Leben und schon gar nicht im Traum. Und letzteres sollte der Herbst in Neuengland sein: „A dream, my dear!“ Irgendwo im Flugzeug über dem Nordatlantik schwärmte Rose M. uns von der foliage vor, dem Laubphänomen in Neuengland. Unserem Reiseziel.

Von den Wunderdingen, die sich im Herbst in den Wäldern der sechs nordöstlichsten Staaten der USA abspielen sollen, hatten wir schon viel gehört. Da gibt es Photographien von Bäumen, die aussehen, als wären sie kurz zuvor in rote und gelbe Farbeimer getaucht worden. Und allerlei Schwärmereien in Gazetten und Reiseführern. Darin ist vom „feurig roten Farbteppich des Indianersommers“ die Rede, von den „leuchtenden Kronen des Zuckerahorns und des Hartriegels, von Eichen und Sassafras wie lodernde Flammen“ und von „Farbnuancen zwischen Zitronengelb und tiefstem Purpurrot“. Auch echte Dichter hatten sich durch die foliage“ inspirieren lassen. Carl Zuckmayer, der während seines amerikanischen Exils in Vermont gelebte hatte, war von der „wahnsinnigen, verzückten Leuchtkraft“ des Indian Summer angetan. John Steinbeck notierte auf seiner Neuenglandreise: „Es ist ein Glühen, als ob die Blätter das Licht der Herbstsonne gierig festgehalten hätten und es langsam wieder freigäben.“

Natürlich gibt es für das so poetisch beschriebene Phänomen eine ganz nüchterne, wissenschaftliche Erklärung. Während in Nord- und Mitteleuropa im Verlauf der Eiszeit viele Baumarten ausgestorben sind, konnten auf dem amerikanischen Kontinent Bäume vor der Kälte nach Süden ausweichen und innerhalb von Jahrtausenden die alten Lebensräume zurückerobern. Überlebt haben zahlreiche farbintensive Ahorn- und Eichenarten: red maple, silver maple, northern red oak und scarlet oak. In ihren Blättern wird ein rotes Pigment gebildet, das Anthocyan. Es entsteht, wenn an warmen Herbsttagen die Sonne die Bäume erneut zur Zuckerproduktion verführt, die frostigen Nächte jedoch den Abtransport des Pigments verhindern.

Alle Zweifel, die foliage könnte nur eine dieser Kalenderblattidyllen sein, deren Versprechen die Wirklichkeit nie einlösen kann, hatte Rose M. zerstreut. Zuversichtlich fahren wir auf der Interstate 95 nach Norden. Vorbei an der Halbinsel Cape Cod südlich von Boston, der Spielwiese und Sommerfrische der Kennedys und anderer Familien des Geldadels aus Massachusetts. Während am Kabeljau-Kap Ende September wieder stille Strandspaziergänge möglich sind, herrscht nördlich von Boston Hochsaison.

Am Mount Monadnock in New Hampshire treffen wir sie zum ersten Mal. Die leaf peeper, die „Blättergucker“. In Bussen und Autos rücken sie an zur erlaubten Peep-Show im sonst so puritanischen Neuengland. Wir gehören, da hilft kein Zieren, auch dazu. Der Mensch ist eben ein Augentier. Der Fels mit dem indianischen Namen „Monadnock“ soll nach dem Fuji in Japan der am häufigsten bestiegene Berg sein. Das ist mehr als ein Gerücht. Auf dem Gipfel teilen wir den Ausblick mit mindestens fünfzig Menschen.

Der Schweiß rinnt, wir suchen nach den versprochenen bunten Blättern. Es sei noch zu früh, meinen die Ranger. Mitte September sei die foliage nur weiter im Norden zu bestaunen. In Vermont soll der Indian Summer besonders schön sein. Wir haben leider keine Chance, das herauszufinden. Der Regen frißt die Farben. „Das kann doch wohl nur ein Vorspiel sein“, maule ich angesichts der dezenten Laubverfärbung und merke beim Aufstieg zum Mount Mansfield vorsichtig an, daß der Herbst im hessischen Odenwald auch seine schönen Seiten habe. Sind wir dafür Tausende von Kilometern gereist?