Erst hat der Mensch seinen natürlichen Lebensraum vernichtet, gleichzeitig ihm unbewußt ein neues Habitat geschaffen, mittlerweile droht die Freizeitgesellschaft auch seine Ersatzheimat zu zerstören. Der Flußregenpfeifer eignet sich wie kaum ein anderes Tier, die Abhängigkeit vom Wirken des Menschen zu demonstrieren – im positiven und negativen Sinn. Grund genug für den Naturschutzbund Deutschland und den Landesbund für Vogelschutz in Bayern, das rund fünfzehn Zentimeter große und bis zu vierzig Gramm schwere Tier am kommenden Montag zum Vogel des Jahres 1993 zu küren.

Die meisten seiner Verwandten leben in den Feuchtgebieten an der Küste und in den Tundren des Nordens. Der Flußregenpfeifer aber bevorzugt offene Flächen im Binnenland. Schotterinseln und die flachen Ufer von Flüssen bildeten bis in unser Jahrhundert seinen Lebensraum. Rasch heizte sich dort der Untergrund in den wärmenden Strahlen der Frühlingssonne auf und bot dem Zugvogel bei seiner Rückkehr aus dem Winterrevier, das in der Sahelzone liegt, gute Brutplatze an. Als ihn Flußbegradigungen vertrieben, fand er in den gleichzeitig entstandenen Kiesgruben eine neue Heimat. In ruhiger Abgeschiedenheit liegende, offene Sand- und Kiesflächen mit einem Süßwassertümpel in der Nähe ziehen den Vogel an. Sogar auf kiesbedeckten Dächern der Supermärkte am Stadtrand gräbt der Flußregenpfeifer manchmal eine Mulde, polstert sie mit kleinen Kieseln aus und legt seine Eier hinein. Oft allerdings erschwert die große Entfernung zu geeigneten Wasserflächen dort den Brutversuch.

Surfer, Sonnenanbeter und Querfeldeinfahrer vertreiben den eher menschenscheuen Vogel, dessen Flöten leicht melancholisch klingt, inzwischen auch aus seiner Ersatzheimat in der Kiesgrube. Schutzmaßnahmen für die letzten 3000 oder 4000 Brutpaare in Deutschland sollten daher vordringlich verlassene, aber auch noch betriebene Kiesgruben und ähnliche Abbaustätten ins Auge fassen. Bereits eine unterlassene Rekultivierung, kombiniert mit einem Schild "Betreten verboten", hilft dem kleinen Vogel weiter. Auch wenn es manchen Naturschützer schmerzen mag, müssen solche Rückzugsgebiete immer wieder von aufkeimender Vegetation befreit werden, damit sie ihre Funktion erfüllen können. Daneben sollten die ursprünglichen Lebensräume an natürlichen Flußläufen erhalten oder wieder hergestellt werden.

Das geht vor allem den Freistaat Bayern an, meint der Landesbund für Vogelschutz. Die alljährlichen Frühjahrshochwasser der von den Alpen zur Donau strömenden Nebenflüsse schufen nämlich einst jedes Jahr dem Flußregenpfeifer eine neue Heimat. Gleichzeitig boten sie die Grundlage für eine hochspezialisierte, in Deutschland nahezu einzigartige Lebensgemeinschaft von Pflanzen und Tieren. Roland Knauer