In den fünfzehn Geschichten, mit denen sich Ulrike Längle als Erzählerin vorstellt, wird viel geträumt. Aber selten lesen wir, jemand habe einen Traum. Man gerät lesend in eine reale Geschichte – und hat plötzlich den Grund unter den Füßen verloren, befindet sich in einem unwirklichen Raum, im Zwischenreich von Erlebtem und Erdachtem. Und die Traumfiguren sind nicht weniger handfest als die Realpersonen.

So gibt es keinen Zweifel, daß Franz Kafka gelebt und Tagebücher geschrieben hat. Aber hat der Prager Dichter auch diese seltsame Eintragung gemacht, oder ist sie Erfindung der 1953 geborenen österreichischen Autorin? „Einer lag schwerkrank im Bett...“ Der Arzt kommt. „Keine Hilfe“, sagte der Kranke, nicht als frage, sondern als antworte er. Der Arzt schaut kurz in ein auf dem Nachttisch liegendes „großes medizinisches Werk“ und sagt dann: „Hilfe kommt aus Bregenz.“ – „Das ist weit“, sagte der Kranke.

Zwischen dem 6. und 13. Juli 1916 hat der schon von der tödlichen Krankheit gezeichnete Kafka die rätselhafte Notiz tatsächlich in sein Tagebuch gekritzelt. Es war eine der schwierigsten Wochen in Kafkas Leben: Mit der Braut Felice Bauer versucht er so etwas wie ein normales Leben, ein paar Urlaubstage in Marienbad – und klagt: „Verzweifelte Nacht; unglückliche Nacht; Unerträglichkeit des Zusammenlebens mit irgend jemandem...“

Wie sollte eine in Bregenz lebende, promovierte, mit Kafkas Leben und Werk offensichtlich bestens vertraute Erzählerin den Anruf: „Hilfe kommt aus Bregenz“ nicht vernehmen. Sie macht daraus eine kleine, hintersinnige Erzählung in zwei Teilen – bestes, auf knapp anderthalb Seiten gedrängtes Stück des Bandes.

Fräulein Anna Dorn aus Bregenz liest die Notiz in Kafkas Tagebuch, fährt nach Prag, klingelt an der Wohnungstür von „Dr. Frantisek Kafka“, stürmt ins Schlafzimmer, legt dem fiebernden Patienten die Hand auf die Stirn und verkündet: „Nun sind Sie geheilt.“ So die auf sanfte Art irrwitzige Geschichte einer Leserin, die wie viele den Wunsch verspürt, einem Menschen zu helfen, der vor dem Leben so sehr erschrickt.

Doch erst in der allerletzten Erzählung, wenigen Sätzen unter dem Titel „Hilfe aus Bregenz II“, erhält die literarische Phantasie ihre surrealistische Geschwindigkeit und schlägt einen irritierenden Purzelbaum in eine nicht dokumentarisch, aber emotional gesicherte Wirklichkeit: Geheilt erhebt sich Kafka vom Krankenlager und bestellt sogleich im besten Möbelgeschäft „ein Ehebett und eine Wiege aus Birnbaumholz“. Anna Dorn nimmt seinen Heiratsantrag an – sie liebt, außer dem Dichter, nämlich den Buchstaben A und darf sich jetzt Anna Kafka nennen. Und wenn sie nicht gestorben sind ...

So verdreht sind Ulrike Längles Erzählungen, die sie selber als „Liebesgeschichten“ in die Welt schickt. Darunter gibt es eine „Trilogie des Liebesleidens“, „Drei Fälle von Liebeswahn“, aber auch ein (Ingeborg Bachmann huldigendes) groteskes Märchen, „Die goldenen Schuhe“. Die Literatur(-Geschichte) und ihre Held(inn)en sind ein Reiz, der die Phantasie dieser Erzählerin entzündet; ein anderer ist die Lust, mit der Sprache zu spielen (die ins A verliebte Anna). So ist die ironische Kritik an romantischer Liebe schon in den Titel-Reim der Erzählung gepackt: „In Linz beginnt’s“. Und wie spiegeln sich die Zweifel der Tochter an der Vaterschaft des „Vaters“, der vielleicht der „Onkel“ ist, in den verwickelten Ästen des neuen Stammbaums: „Mein Stiefbruder blieb mein Stiefbruder. Aber meine Schwester war meine Halbschwester. Meine drei Cousins waren ebenfalls meine Halbbrüder. Sechs Halbbrüder, einen Stiefbruder und eine Halbschwester, eine stolze Bilanz.“