Von Dubravka Ugrešić

Vor zwei Jahren, als das Volk Kroatiens euphorisch über seine Unabhängigkeit abstimmte, tauchten in den Zagreber Souvenirbuden ungewöhnliche Blechdosen auf. Sie glichen denen von Coca-Cola, trugen das rotweiße kroatische Wappen und die Aufschrift Saubere kroatische Luft. Das deckte sich mit dem (damals) populärsten Fernsehwerbeslogan für Bronchitisbonbons: Atmen Sie leichter. So stützte die eine Botschaft, obwohl alles klar war, semantisch noch einmal die andere: Mit sauberer kroatischer Luft atmen Sie leichter!

Heute bekommt man diese politisch-ökologischen Blechdosen nicht mehr. Im Angebot ist derzeit ein anderes Souvenir: Eine Bonbonniere mit dem Design des kroatischen Reisepasses und demselben Wappen im Coca-Cola-Look. Die kleine Kitschindustrie ist wachsam der politischen Entwicklung hinterher und von der "sauberen kroatischen Luft" (das heißt der Unabhängigkeitserklärung) bis zum "süßen kroatischen Paß", dem international anerkannten Staat gelangt.

Aber was ist aus der Luft geworden? Im Russischen gibt es das Wort tschortychanje, in freier Übersetzung: Teufelsbeschwörung. Die amüsantesten Beispiele für diese Teufelsbeschwörung findet man in Michail Bulgakows Roman "Der Meister und Margarita". Alles, was dort die handelnden Figuren laut aussprechen, ereignet sich tatsächlich. Am häufigsten natürlich – der Teufel selbst. Abergläubische Menschen sprechen niemals aufs Geratewohl Worte aus, weil sie Angst vor ihrer Verwirklichung haben. Einem ähnlichen Aberglauben hängen auch die Schriftsteller an: Sie wissen am besten, daß schon der bloße Umgang mit Worten Teufelswerk ist.

So erwachte auch jene harmlose Aufschrift von der leeren Blechdose zum Leben wie der aus der Flasche freigelassene Geist und wurde auf diese oder jene Weise real. Diese kleine Phrase – saubere kroatische Luft – verhakte sich in die kroatische Sprache wie eine Klette, wurde heimisch in der Presse, im Fernsehen, in der Politik, im Denken, im Alltagsjargon, im Alltagsleben. Heute gibt es kaum noch einen Zeitungsartikel oder eine Fernsehsendung ohne das Wort sauber, das natürlich seinen Gegensatz schmutzig einschließt. Und in dem neuerrichteten Wertesystem, das auf dem Gegensatzpaar sauber – schmutzig basiert, erweist sich das Leben plötzlich als sehr einfach.

Bis auf die äußeren Feinde, die endlich benannt sind (wieder eine Phrase der neuen Zeit: "Endlich haben wir den Feind benannt"!) und derentwegen dieser schmutzige Krieg geführt wird, fegt jetzt der Geist aus der Blechdose, der kroatische Meister Proper wie ein unerbittlicher Meister Kleenex alles aus Kroatien weg.

Viele selbsternannte Blutgruppenpolizisten kontrollieren eifrig die Blutbilder der kroatischen Bürger auf der Suche nach jenen "unreinen". Die kroatischen Bürger selbst durchsuchen ihre eigene Biographie und die anderer nach unerwünschten Schmutzflecken. Das öffentliche Bekenntnis zur Nationalität ist zur neuen Vorschrift im kroatischen guten Ton geworden. Und darum ist die kürzliche Erklärung einer bekannten hochgestellten Persönlichkeit: "Es ist allgemein bekannt, daß in meiner Familie seit dreihundert Jahren kein byzantinisches Blut war" etwas ganz Normales. Diese neue Normalität haben die kroatischen Politiker in Umlauf gebracht. Den Anfang setzte der Präsident persönlich, indem er kundtat, wie glücklich er sei, eine reinblütige Kroatin zur Frau zu haben (also keine Serbin), welchselbiges Reinheitsgebot gleich darauf eifrig ein Parlamentsabgeordneter unterstützte, indem er erklärte, glücklich zu sein, weil seine Frau eine Kroatin, das heißt keine Serbin oder Schwarze ist.