Ein Seminarraum in Harlem, City College, vierter Stock. Dreißig schwarze Studenten, die Bleistifte gespitzt, sitzen im Kurs "Malcolm X", Bestandteil des Studiums am African Studies Department der Universität. Dr. Leonard Jeffries, "Dr. J.", wie sich der streitbare Dozent selber nennt, spricht vor Anfängern.

"These, Antithese, Synthese und in der Mitte steht... was?"

"Die afrikanische Kernspiritualität", murmelt es aus dreißig Kehlen.

"Gut. Das afrikanische Modell."

Er malt ein Dreieck an die Tafel, schreibt "Spiritualität" in die Mitte und an die Ecken "die drei Cs: communal, cooperative, collective". Das "europäische Modell" stellt er dem gegenüber: "die drei Ds: domination, destruction, death". In der Mitte steht "Profit". Fragen? Keine.

Zuerst müsse man die grundlegenden Dinge verstehen, sagt er. Malcolm komme später. In etwa vier Sitzungen, dann, wenn am 20. November Spike Lees Film "X" in den amerikanischen Kinos anläuft, ein dreistündiges Epos über Leben und Wirken des schwarzen Bürgerrechtlers Malcolm X. Schon vor seiner Fertigstellung beschäftigt das Werk die US-Öffentlichkeit wie kaum ein Film zuvor. Selbst die Kennedy-Diskussion des letzten Jahres erhitzte die Gemüter nicht in diesem Maße. Denn es geht um das wohl heikelste Thema der amerikanischen Gesellschaft, um das Problem der Rassen.

Der dreitägige Aufstand in South Central Los Angeles Ende April, der die Krawalle von Watts 1965 um einige Tote übertraf, erschütterte das Land; und heute sind es nicht mehr die Schwarzen allein, die aufbegehren. In Washington Heights, New York, waren es Anfang Juli Hispanics – Puertoricaner und Dominikaner –, die ihre Wut austobten.