Von Jürgen Krönig

Vielleicht hat die satirische Puppenshow "Spitting Image" recht – vielleicht ist John Major wirklich mit Hilfe von Spezialbrille und Datenanzug dem grauen britischen Alltag entflohen und in die tröstlich bunte Scheinwelt der Virtual reality eingetaucht. Dort jedenfalls sprießen die "grünen Knospen des Aufschwungs", die der Premier und seine Minister nun seit anderthalb Jahren verheißen, ist der Drache Inflation besiegt, haben sich die EG-Partner britischer Weisheit gebeugt und wurde Margaret Thatcher samt ihren ideologischen Vasallen ein schreckliches Ende bereitet. Doch leider nur dort. In der harten Wirklichkeit sieht es anders aus. Mittlerweile zweifeln viele Briten, ob ihr Premier überhaupt noch fähig ist, die bittere politische und ökonomische Realität des Landes im ganzen Umfang zu erfassen, geschweige denn zu meistern. Die politische Instinktlosigkeit, mit der John Major und seine Minister die jüngste Regierungskrise ausgelöst haben, spottet jeder Beschreibung. Offenbar hatten weder der Premier noch Industrie- und Handelsminister Michael Heseltine die Folgen ihrer Entscheidung einkalkuliert, inmitten der tiefsten Rezession 30 000 Bergarbeiter auf die Straße zu setzen.

Dem Premier gelang so eine Negativ-Leistung ganz besonderer Art: Er ließ einen europäischen Sondergipfel, der ihn eigentlich stützen sollte, zur belächelten Farce werden; das wohlanständig-bürgerliche England wendet sich angesichts der Herzlosigkeit gegenüber den Kumpeln indigniert ab; loyalste Fleet-Street-Blätter lassen kein gutes Haar mehr an Major und seiner Mannschaft; die Konservative Partei, zutiefst verunsichert und verwirrt, beginnt, den Aufstand zu proben; und sogar das klassische, allzuoft schon mißbrauchte Allheilmittel britischer Politik, die Senkung des Leitzinses, verpuffte wirkungslos und wurde nur noch als Zeichen heilloser Panik interpretiert.

Es steht schlecht um John Major. Der Premier steckt in der tiefsten Krise seiner politischen Karriere. Seine Regierung wirkt wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen, kopflos, ohne Richtung und ohne Führung. Seit dem "Schwarzen Mittwoch", als in den Turbulenzen auf den Währungsmärkten das Fundament seiner Währungs-, Wirtschafts- und Europapolitik wegbrach, will dem Premier nichts mehr gelingen. Das böse Wort vom Versager, vom "Mann von gestern", macht die Runde. Ein Hauch von Endzeitstimmung breitet sich aus.

John Major macht derzeit die bittere Erfahrung, wie schnell ein Politiker ganz tief stürzen kann. Parallelen zum Präsidenten auf der anderen Seite des Atlantik deuten sich an, mit dem feinen Unterschied, daß der britische Regierungschef gerade erst die Wahl gewonnen hat. Aber kaum sechs Monate später empfinden viele den "Retter der Tories" bereits als Belastung. Aus dem freundlich-selbstbewußten honest John ist ein bleicher, unsicherer Mann geworden, dessen gewinnendes Lächeln nun häufig zur Maske erstarrt. Seine offenkundige Ratlosigkeit wirkt ebenso irritierend wie die Verbohrtheit, mit der er Führungsstärke stets am falschen Objekt demonstriert. Immer wieder wird der Premier zu Rückziehern und Kehrtwendungen gezwungen. Die Vorstellung, diesen John Major weitere vier Jahre im Amt ertragen zu müssen, bereitet britischen Kommentatoren, aber auch vielen seiner Parteifreunde Alpträume.

Wo liegen die Gründe für den scheinbar unaufhaltsamen Abstieg des John Major? Als er vor zwei Jahren das Erbe der Eisernen Lady antrat, war klar, daß ihm schwere Zeiten bevorstünden. Seine Vorgängerin hinterließ ihm ein Land, das nach der Scheinblüte der achtziger Jahre in eine tiefe, hausgemachte Rezession abgerutscht war. Der Wechsel an der Spitze der Tories verhieß eine Wende zum Besseren. Diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Aus der Rezession droht, verstärkt durch internationale Faktoren, eine Depression zu werden. Massenarbeitslosigkeit und Bankrotte rufen schlimme Erinnerungen an die Krise der dreißiger Jahre wach.

Die Briten sind inzwischen zu einer Nation hoch verschuldeter Hausbesitzer geworden; Millionen sind Gefangene ihres unverkäuflichen Eigentums, das dramatisch an Wert verloren hat. Die industrielle Basis ist weiter geschrumpft; der Modernisierungsschub im Dienstleistungssektor, die Wachstumsbranche der achtziger Jahre, sorgt noch für zusätzliche Verschärfung der Arbeitsmarktprobleme, vor allem im konservativen Süden des Landes. Auch rächen sich nun andere Fehler aus der Thatcher-Zeit: der Verzicht auf eine langfristig angelegte Industrie- und Energiepolitik, eine verfehlte Privatisierungsstrategie und die Vergötterung des reinen Marktprinzips.