Von Norbert Kostede

Ihr Lebenswerk: Die Grünen. Keine soziale Bewegung kann sich auf der politischen Bühne etablieren ohne ein Gesicht. Spätestens Anfang der achtziger Jahre hatte es sich der deutschen und ausländischen Öffentlichkeit eingeprägt: ein schönes Gesicht – Petra Kelly.

Ihr Lebenswerk: Krebshilfe für Kinder. Im Jahr 1968, als sie ihre kleine, todkranke Schwester Grace zur Privataudienz bei Papst Paul VI. führte, konnte man noch an ein Einzelschicksal glauben. Später wußte Petra Kelly, daß sie im Sterben der Schwester das Schicksal vieler zukünftiger Kinder erlebt hatte.

Woher nahm Petra Kelly diese unheimliche Kraft für ihr Engagement?

Im Oktober 1977, mit dreißig Jahren, schrieb sie über die Liebe: "In einer atomaren, militarisierten Welt sind fast alle menschlichen Beziehungen mit Mißtrauen, Angst und Unsicherheit durchsetzt ... Liebe und Leben sind unlösbar miteinander verbunden." So sprach eine, die man – zuweilen verständnisvoll belächelt – "Politikerin aus Betroffenheit" nannte. Alles Unrecht, alle Katastrophen drangen bis ins Private. Sie war ein Mensch – "eine Frau", hätte sie verbessert –, der nicht verdrängen konnte. Der nicht aufteilen konnte in persönliches Leben und Unglück der Welt. Sie litt, wenn anderen Leid geschah.

Aber weiß Gott, das war kein stummes Mitleiden! Eine Furie zog da 1983 in den Bundestag ein. Ihr politischer Aktionismus und ihre Maschinengewehr-Rhetorik waren gefürchtet. Gibt es ein Land, in dem sie sich nicht aus Protest angekettet hatte? Welcher Politiker, welcher Journalist ist ihren Moralpredigten und Unheilsberichten entkommen?

Petra Kelly war schon prominent, als die Grünen noch einen Namen für ihre Partei suchten: Nach Studienjahren in Washington und Amsterdam arbeitet sie von 1973 bis zu ihrem Einzug in den Bundestag als Verwaltungsrätin bei der Europäischen Gemeinschaft, wo sie die Brüsseler Bürokraten mit "naiven" Fragen nervt: "Warum können wir Agrarüberschüsse nicht in die Hungerländer Afrikas transportieren?" Schon in dieser Zeit protestiert sie mit dem irischen Gewerkschaftler John Carroll gegen den Bau von Atomkraftwerken, hält flammende Reden in Hiroshima und Nagasaki, wehrt sich mit australischen Ureinwohnern gegen Uran-Abbau, knüpft erste Kontakte zu den Bürgerrechtlern in Osteuropa und diskutiert auf internationalen Kongressen über den "dritten Weg" zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Ohne ihr internationales Renommee und ohne diese Kontakte aus den siebziger Jahren ist der Siegeszug der Grünen in den Achtzigern nicht zu erklären.