Mit Konrad Adenauer begann die Bundesrepublik Deutschland.“ Mit diesem griffigen, aber auch problematischen Satz beginnt Sontheimer seine knappe Überblicksdarstellung der westdeutschen Geschichte von 1949 bis 1963. Problematisch, weil zuvor – und wichtiger – die Alliierten, der Beginn des Kalten Krieges und die Währungsreform waren.

Mag man diesen Einstieg mit dem Hinweis auf den die Besatzungszeit behandelnden vorangegangenen Band in der sehr nützlichen dtv-Reihe zur neuesten deutschen Geschichte erklären, so scheint mir eine andere Feststellung aus der Einleitung noch problematischer: „Adenauer selbst hat sich die Wiedervereinigung Deutschlands in etwa so vorgestellt, wie sie sich im Jahre 1990 vollzogen hat.“ (Damit wir es auch glauben, wird der Satz fast wortgleich später noch einmal wiederholt.) Auf den formalen Vorgang des „Anschlusses“ durch Beitritt der DDR zur Bundesrepublik bezogen, wird das stimmen. Aber die Aussage überspringt eine ganze Phase wechselvoller deutscher Nachkriegsgeschichte und suggeriert die nachträgliche pauschale Rechtfertigung der Adenauerschen Deutschlandpolitik.

Tatsächlich bestätigt die Darstellung an mehreren Stellen diesen Eindruck. Die bundesrepublikanische Erfolgsgeschichte kann nun offenbar endlich auch um die deutschlandpolitische Komponente ergänzt werden. Die leidige Debatte um die umstrittene Entspannungspolitik als notwendige Zwischenstufe und Voraussetzung für die Erosion des Ostblocks und das Ende der DDR wäre damit vom Tisch, und der Alte von Rhöndorf bekäme damit auch noch den Lorbeer verliehen, der ihm bislang fehlte. Die „Magnettheorie“, die Adenauer ebenso wie Schumacher vertrat, feiert ihren späten Triumph.

Auch wer die Vorstellung einer ungebrochenen und durch die unverhoffte Einheit angeblich bestätigten Entwicklungsgeschichte von Adenauers Deutschlandpolitik nicht teilt, wird die Darstellung dennoch mit Gewinn nutzen können. Den eigenwilligen, aber auch anregenden Einstieg bildet die Skizze von vier Politikern als Repräsentanten der Ära: Kurt Schumacher als überragender Oppositionsführer, der den Kurs seiner Partei noch weit über seinen Tod hinaus prägte, Theodor Heuss, der „zivilen Geist und Kultur“ verkörperte, Adenauer als treibende Kraft und Garant der dauerhaften Westbindung der Bundesrepublik und schließlich der fiktive Abgeordnete Keetenheuve, die Zentralfigur aus Wolfgang Koeppens 1954 erschienenem Roman „Das Treibhaus“, als intellektueller und politischer Repräsentant der gescheiterten Alternativen.

Es folgen ein präziser Abriß der Außen- und Innenpolitik, sodann ein systematischer Querschnitt der Gesellschaftsstruktur, der Wirtschaft, des Parteiensystems, der Verfassungswirklichkeit und der Kultur der Adenauer-Zeit. Das abschließende Kapitel greift noch einmal explizit die „großen Kontroversen“ über die Westintegration, die Wiederbewaffnung, die Praxis der Kanzlerdemokratie und die NS-Vergangenheit auf. Diese Gliederung bringt einige Überschneidungen mit sich, unterstreicht aber zugleich nachdrücklich, wie heftig damals um politische Probleme gestritten wurde. Kritisch und differenziert werden in diesem Zusammenhang unter anderem die fatalen personellen Kontinuitäten zwischen dem „Dritten Reich“ und der Bundesrepublik in Bürokratie und Justiz sowie die völlig unzureichenden justitiellen Auseinandersetzungen mit der Last der Vergangenheit angesprochen – ein Thema, dem Adenauer kaum Beachtung schenkte und das „gewiß kein Ruhmesblatt in der Geschichte der Bundesrepublik“ ist.

Bemerkenswert ausführlich im Rahmen einer knappen Gesamtdarstellung sind die Abschnitte über die „Intellektuellen im Abseits“, über Kunst und Wissenschaft. Besonders die Literaten erhalten keine guten Zensuren („Sie standen abseits und nahmen übel“), dennoch verdammt Sontheimer den zeitgenössischen und später wieder zu (allzu großen) Ehren gekommenen Restaurationsbegriff nicht als völlig unangemessen, vor allem nicht im Hinblick auf das Bildungswesen und auf die Bürokratie. Insgesamt bietet die Darstellung trotz ihres ausgeprägten Hangs zur gradlinigen Erfolgsgeschichte ein differenzierteres Bild der Ära Adenauer, als einige plakative Urteile vermuten lassen. Christoph Kleßmann

  • Kurt Sontheimer: