Wer die jugoslawische Journalistin Slavenka Drakulić in den letzten Jahren getroffen hat – in New York vielleicht, bei ihrer Freundin Gloria Steinem oder in Berlin, als Rednerin auf einer Frauenkonferenz zum KSZE-Prozeß –, eine Frau, mondän, mit Glitzertäschchen auf der Hüfte, wird in ihr kaum eine Kriegsberichterstatterin vermutet haben. Jetzt lebt sie an der Front. „Mama, sie schießen nebenan!“ hört sie ihre Tochter in der Zagreber Wohnung gellend schreien. Und Slavenka Drakulić berichtet über diesen Krieg, wie sie vorher über den Kommunismus schrieb – genau hinschauend, leidenschaftlich mitempfindend, im Privaten das Politische entlarvend.

Ihr Buch „Sterben in Kroatien“ umfaßt fünfzehn schmale Kapitel. Sie spannen den breiten Bogen von unserer sicheren Tagesschau-Perspektive bis zu jenem weinumrankten Innenhof in Zagreb, in den die späte Nachmittagssonne fällt und der plötzlich wie eine Todesfalle aussieht. Die Schützen – Kinder, schreibt sie, aufgezogen mit „Humana“ und heute Jugendliche im Diesel-T-Shirt mit Nikes an den Füßen, Jahrgang 72 oder so, für die der Zweite Weltkrieg so weit entfernt ist wie Napoleon oder Sparta. Einer erzählt ihr ins Mikrophon, wie das ausschaut, wenn der Nachbar brennt und die Gesichtshaut schmilzt. Sie schreibt von den Kumpeln, die einen Schulfreund erschlagen und ersäufen, weil er sich vor ihnen damit gebrüstet hat, ihre Eltern, Ustaschen, abgeschlachtet zu haben.

Es sind erschreckende Geschichten, manchmal schrecklich pathetisch. Dann enthüllen sie den Blick auch auf die Autorin und das, was dieser Krieg in ihr anrichtet: eine tiefe Verstörung und ein quälendes Gefühl der Schuld, auf irgendeine Weise Teil dieser Katastrophe zu sein. S.M.

Slavenka Drakulić, „Sterben in Kroatien“. Vom Krieg mitten in Europa; Rowohlt Taschenbuch Verlag (rororo aktuell), Hamburg 1992; 160 Seiten, 9,90 Mark