Die Querelen bei der politischen Monatszeitschrift Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte landeten vor dem Bonner Arbeitsgericht. Zunächst einmal endeten sie mit einem Erfolg der Redakteurin Ulrike Ackermann. Sie hatte gegen eine Abmahnung geklagt, die sich vor allem auf den Vorwurf stützte, „als Tendenzträgerin“ Interna nach außen getragen und das Vertrauensverhältnis zur Chefredaktion gestört zu haben. Chefredakteur ist Peter Glotz.

Die SPD befindet sich in keiner einfachen Situation. Denn einerseits plädiert sie für Öffnung im Sinne einer gewissen Entsozialdemokratisierung, andererseits aber tut sie sich in der Praxis mit „Außenseitern“ oder Kritikern besonders schwer. In diesem Fall, muß man vermuten, dürften kritische Fragen nach den blinden Stellen der SPD-Ostpolitik und nach ihrem etatistischen Auftreten in Osteuropa eine Rolle spielen. In einem Editorial schrieb Peter Glotz kürzlich einmal, dieser Konflikt führe „mitten durch die Redaktion“. In dieser Redaktion sitzt die Abgemahnte. Nun hatte es die Zeitschrift gerade geschafft, sich vom Ruch und Ruf des reinen Parteitheorieorgans zu befreien. Ausgerechnet in dem Moment kommt dieser Streit. Selbstverständlich beteuert Peter Glotz, mit Politik habe das alles überhaupt nichts zu tun.

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„Wende-Inventur“ nannte sich eine Veranstaltung der SPD. Die Abrechnung mit Kohls Politik kann aber nicht zu heftig ausfallen, wenn man sich zugleich offenhalten möchte für alles, auch für eine große Koalition. Peter Glotz plädierte vorsichtig für eine Ampelkoalition auf Bundesebene, weil alternativloses Zumarschieren auf eine große Koalition das „falscheste Signal im jetzigen Moment“ wäre. Er finde, meinte Gerhard Lehmbruch von der Universität Konstanz, die 1982 angekündigte Wende sei mehr symbolisch gewesen. Wer ihre Folgen hingegen viel dramatischer sehe, gerate in Schwierigkeiten, wenn er jeden Gedanken an eine große Koalition mit den Wende-Machern nicht kategorisch ausschließe. Große, richtige Fragen werden da gestellt. Sie offenbaren die Unsicherheit der SPD, die wiederum den Stoff abgibt für die kleinen Kriege, bis hinein in die Redaktionen.

Gunter Hofmann