Von Christa Dericum

Deutschland hat mehr Geschichte, als es ahnt“, rief vor vierzig Jahren der greise Soziologe Alfred Weber in einer Debatte über die Entstehung der Nazi-Diktatur. Der autoritätsgläubige, „gehorsame“ Mensch sei vor vielen Generationen geboren, und man müsse eine lange Entwicklung betrachten, um gegenwärtige Zustände zu verstehen.

Der Blick zurück in die Vergangenheit bleibt da hängen, wo Historiker die „beginnende Neuzeit“ vermuten: Der sogenannte Bauernkrieg von 1524/25 war blutig beendet, die einzige große Protestbewegung der deutschen Geschichte niedergeschlagen und gescheitert. Obrigkeiten und Volk saßen seitdem getrennt.

Die Zeit danach brachte neue Mentalitäten hervor. Der Saarbrücker Historiker Richard van Dülmen, bekannt durch Arbeiten zu Brauchtum, Alltagskultur, Ethnographie, hat in einem Band über das Leben in Hausgemeinschaften der frühen Neuzeit die Beziehungen zwischen privater und öffentlicher Sphäre herausgearbeitet, den Umgang miteinander und mit den kleinen, notwendigen Dingen. Jetzt, im zweiten Band, geht es um die größere Perspektive, um das, wovon der Theologe Cusanus hundert Jahre früher schon gesagt hatte: „Was alle angeht, muß von allen entschieden werden“, das ganze Leben also.

„Die Arbeit bildete den einen Pol des gesellschaftlichen Lebens, den anderen bestimmten Feste und Feiern“, schreibt Dülmen. Lapidar benennt dieser Satz aus der Schlußbetrachtung Koordinaten eines Systems strenger Ordnung in bewegter Szenerie. Städte und Dörfer spiegelten in ihrem Erscheinungsbild die Hierarchien, Standesunterschiede, die Verteilung von Vermögen und Prestige. Das Leben in Hausgemeinschaften war zugleich soziale Trennung, soziale Kontrolle und unerbittlicher Kampf um den eigenen Status.

Adel, Bürgertum und Bauernstand – die Standeszugehörigkeit bestimmte Tätigkeit, Selbsteinschätzung und Lebensführung. Sie wurde als von Gott gegebene Ordnung verstanden und verteidigt; doch das Bewußtsein sozialer Ungerechtigkeit hatte sich seit dem späten Mittelalter Luft gemacht. Die großen und die kleinen kirchlichen und weltlichen Obrigkeiten sorgten für strenge Einhaltung der Rituale und Elemente des alltäglichen Lebens, um mit dem Bestehenden „Ruhe und Frieden“ zu bewahren.

Die öffentliche Ordnung regulierte sich vom 16. bis zum 18. Jahrhundert in festen Traditionen wie von selbst. Man „weiß“, was sich gehört, was man sich selbst und seinem Stande schuldig ist. Die Begrenzungen der Dörfer und Städte waren mehr als Absicherung gegen eindringende Tiere oder Feinde: Sie schlossen Frieden und Recht ein; jeder innerhalb der Begrenzung Lebende wußte, woran er damit war. Kirche und Rathaus als Symbole herrschender Gewalten waren von allen gleichermaßen respektiert. Verhaltensweisen, Kleiderordnungen, Rangfolgen im Sitzen und Stehen galten über Generationen hinweg. Das soziale Gefüge scheint auf Jahrhunderte festgelegt.