Der Deckel von Draculas Sarg schließt nicht mehr. Das kommt von den Bücherstapeln, die ihn füllen und seit fast einem Jahrhundert ständig wachsen. Seit 1897, um genau zu sein, als Bram Stokers Klassiker erschien und die transsylvanischen Blutsauger ihren Metabolismus auf Druckerschwärze umstellten, bevor eine besonders flatterhafte Fraktion das Zelluloid entdeckte.

Trotzdem war Stoker nicht der Erfinder des bleichen Grafen. Zwischen seinem Wälzer und dem Sargboden liegt zumindest noch ein dünnes Bändchen. Die Erzählung heißt „Der Vampyr“, wurde 1819 veröffentlicht und erfreute sich einer beachtlichen Breitenwirkung, weil der Name des skandalumwitterten Lord Byron – übrigens ohne sein Wissen und seine Billigung – auf dem Titelblatt auftauchte. In Wirklichkeit stammte der Ur-Dracula von John William Polidori, der Byron als Leibarzt ins Exil begleitete und am Genfer See Gelegenheit hatte, Mary Shelley beim Entwurf von „Frankenstein“ über die Schulter zu schauen.

Der Scaneg Verlag läßt der angejahrten Pioniertat jetzt eine eigene folgen und legt Polidoris „Vampyr“ erstmals auf deutsch vor (aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Christiane Wyrwa; Illustrationen von Horst Rothe; Scaneg Verlag, München 1991; 77 S., 27,–DM). Der motivgeschichtlich interessierte Leser wird das zu schätzen wissen. Der auf gruselige Unterhaltung erpichte Liebhaber der Damenlutscher aber muß sich auf eine Enttäuschung gefaßt machen. Der damals vierundzwanzigjährige Polidori, der schon zwei Jahre später das Zeitliche segnete, war ein literarischer Dilettant mit merklich begrenzten erzählerischen Gaben. Er schreibt gegen die überwältigende Präsenz des Erfolgsautors Byron an, den er als Lord Ruthven vampirisiert und dessen Marktwert ihn ironischerweise doch wieder namenlos macht und um den Lohn seiner Anstrengung bringt.

Die unheilschwangere Geschichte um das Scheusal Ruthven mit „seinen toten, grauen Augen“ und den edelmütigen, aber romantisch verstiegenen Aubrey ist klischeeüberfrachtet, bis zur Hilflosigkeit konstruiert und bisweilen von unfreiwilliger Komik. Sie fesselt gewiß niemanden mehr; und auch das Hinscheiden der mal gazellengleichen, mal „melancholischen Zauber“ ausstrahlenden Frauengestalten erhöht den Blutdruck um keinen Deut. Entwarnung auf der ganzen Linie also. Der Knoblauch bleibt in der Küche, Polidori ein Vorläufer ohne Biß. Draculas Sargdeckel gähnt weiter. Ulrich Horstmann