Von Hans Harald Bräutigam

In Erlangen sind derzeit Glanz und Elend der modernen Medizin zu besichtigen. Die Hauptrollen in diesem makabren Drama spielen eine gehirntote Schwangere, das in ihr werdende Leben, ehrgeizige und tüchtige Ärzte, teure Apparate und viel Geld.

Eine junge Frau starb an den Folgen eines Unfalls. Die Ärzte diagnostizieren zwar den Hirntod, setzen aber ihre Behandlung fort, um das Leben eines vierzehn Wochen alten ungeborenen Kindes in der Gebärmutter zu retten. Da der Ausgang ihrer Mühen höchst fraglich ist, suchen sie Entscheidungshilfe bei Kollegen, zu denen auch der Rechtsmediziner Hans-Bernhard Wuermeling gehört. Der begründet seinen Ratschlag, weiterzumachen mit ziemlich abstrakten juristischen Überlegungen. Nicht der Sachverstand von Ethikkommissionen sei hier gefragt, sagt der Rechtsmediziner, denn die hätten sich nur um Probleme bei lebenden Kranken zu kümmern. Die junge Frau sei aber bereits verstorben. Das in ihr heranwachsende Kind sei aber erst mit der Geburt eine Rechtsperson. Folglich könne dem behandelnden Arzt, der letztlich für seine Entscheidung allein die Verantwortung trüge, auch nicht der Vorwurf fahrlässiger Unterlassungen gemacht werden, wenn er den Respirator abstelle und damit der Hirntod der Mutter schon jetzt zum endgültigen Tod von Mutter und Kind führe. Das Abschalten wäre demnach also rechtlich irrelevant. Ist aber das Weitermachen zu verantworten?

Nicht erst heute werden die Schwierigkeiten erkennbar, die der medizinisch-technische Fortschritt uns beschert hat. Angesichts der vielen Erfolge, von der Schutzimpfung bis zur Herztransplantation, wollen und können wir nicht einfach auf ihn verzichten. Aber dürfen wir den vermeintlichen Fortschritt tatsächlich so unbekümmert, so rigoros einsetzen wie jetzt in Erlangen? Wir werden zu Opfern des Terrors der Humanität, wenn wir alles machen, was wir können.

Zur Selbstzähmung haben sich die Ärzte Kommissionen verschrieben, die alle problematischen medizinischen Maßnahmen auf ihre moralische Unbedenklichkeit prüfen sollen. Wie das bei Kommissionen so der Fall ist, werden ihre Ergebnisse vom kleinsten gemeinsamen Nenner beherrscht. Daher ist es auch kein Wunder, daß außer vollmundigen Absichtserklärungen nicht viel herauskommt. Die von Wuermeling angeführten Kollegen haben also einstimmig festgestellt, daß sich die Lebensaussichten des ungeborenen Kindes mit jedem Schwangerschaftstag verbessern würden.

Das ist nicht geradezu eine aufsehenerregende Feststellung. Viele Mütter und Väter haben längst die schmerzliche Erfahrung machen müssen, daß zu früh geborene Kinder lebensbegleitend schwer krank sein können. Ob aber ein Kind die Geburt aus einer zum bloßen Fruchthalter instrumentalisierten gehirntoten „Mutter“ seelisch und körperlich zu überleben vermag, kann bis heute keiner wissen.

Nicht nur für die Heilkunde gilt die traurige Beobachtung, daß allenthalben die Diskretion der Verantwortung durch die sensationsbezogene Diskussion verdrängt wurde. Ärztliches Vertrauen ist unter diesen Bedingungen nicht zu gewinnen. Eine der schlimmen Folgen dieses Vertrauensverlustes freilich ist die „Defensivmedizin“: Sicherheitshalber tut man, was man kann.

Der behandelnde Arzt will sich natürlich nicht nur auf der sicheren, sondern auch auf der angenehmeren Seite wiederfinden. Und auf den Zuspruch der Öffentlichkeit glauben ohnedies viele angewiesen zu sein. Mit dem für Ärzte gefährlichen Vorwurf der Kindstötung sind vor allen Dingen diejenigen schnell bei der Hand, die noch nie in schwierigen Situationen zu entscheiden hatten und dann lieber dem Zeitgeist folgen. Der befiehlt, daß die junge tote Mutter als Inkubator benutzt wird. Hat sie besinnungslos ihre Pflicht erfüllt, dann wird das Atemgerät abgestellt. Sollte das Kind, wie auch immer gezeichnet, überleben, kann jedenfalls wieder einmal Fortschritt in der Medizin publiziert werden.