Von Maria Huber

Jurij Goroschaninow ist ein Russe mit ausgesucht höflichen Umgangsformen. Er war Abgeordneter des vor einem Jahr aufgelösten sowjetischen Parlaments und ein aktives Mitglied im Ausschuß für Wirtschaftsreformen. Was er dort theoretisch vorbereitet hat, kann er nun in die Praxis umsetzen. Denn Goroschaninow ist Generaldirektor von Uralas, dem drittgrößten Hersteller von Nutzfahrzeugen in Rußland. Das Werk liegt mitten in Miass im südlichen Ural. Vor den Toren der Stadt markiert ein Obelisk die Grenze zwischen Europa und Asien.

Der Schreibtisch in Goroschaninows Arbeitszimmer stammt aus Ägypten – die Regierung in Kairo war ein Hauptabnehmer von Militärlastwagen aus Miass; hinter seinem Rücken hängt kein Lenin-Portrait wie sonst überall noch in dieser Gegend. Ein springendes Pferd, die Tuschezeichnung stammt aus Taiwan, soll dem fünfzigjährigen Manager „Erfolg bringen“. Darauf muß man auch in Moskau hoffen. Denn in der Provinz, in Betrieben wie Uralas, entscheidet sich das Schicksal der russischen Wirtschaftsreform.

Kurzfristig hängt der Erfolg von Uralas davon ab, ob das Werk 25 000 bis 28 000 schwere Lastwagen im Jahr verkaufen kann. Besonders hart trifft es den Generaldirektor, daß er zwar in seiner Heimat einen riesigen Bedarf, aber kaum Aufträge registrieren kann: Die potentiellen Kunden haben keine Rubel. Als die russische Regierung im Spätsommer zum ersten Mal von ihrer restriktiven Geldpolitik abrückte und der Landwirtschaft einen großen Kreditrahmen einräumte, kam aus dem benachbarten Orenburg sofort eine Brigade und holte Hunderte der geländegängigen Lastwagen direkt vom Fließband weg. Die schnelle Aktion rettete die gute Ernte in Orenburg und viele Arbeitsplätze in Miass.

Uralas beschäftigt fast zwei Drittel aller Arbeitskräfte in der Stadt. Goroschaninow muß beinahe wie ein Großgrundbesitzer rundum für die Existenz der Menschen sorgen: „Miass – das ist vor allem Uralas. Die Stadt – das ist unser Unternehmen.“ Jeder zweite der 180 000 Einwohner lebt in einer Wohnung, die das Werk im Laufe von fünf Jahrzehnten bauen ließ. Einmal im Monat trifft sich der Generaldirektor mit den Leitern von einem Dutzend mittlerer und kleinerer Betriebe und der Stadtverwaltung. „Nur zusammen können wir die Gas- und Wasserleitungen, die Stromversorgung und die Krankenhäuser vor dem Zusammenbruch bewahren“, erläutert Goroschaninow die Funktionen des selbsternannten Gremiums, „aber Geld hat keiner mehr.“

Bis zum vergangenen Jahr hat das sowjetische Verteidigungsministerium zwei Drittel der Produktion von Uralas abgenommen. Die Militärs kontrollierten die Qualität mit großer Strenge, schauten aber nicht auf die Kosten. Da neben Uralas in Miass noch andere Rüstungsbetriebe angesiedelt wurden, schottete die auf Geheimhaltung bedachte Regierung die Region vollständig von der Außenwelt ab. Noch heute teilt das KGB den Betrieben per Rundschreiben mit, daß sie für ausländische Besucher zwanzig Tage im voraus eine Erlaubnis zu beantragen hätten. So haben die meisten Bewohner von Miass zwar schon mehrere Ufos, aber noch niemals einen westlichen Journalisten gesehen. Und es gab auch nur wenige, sagt die Chefredakteurin der unabhängigen Stadtzeitung Glagol, die Anstoß an dieser Abgeschiedenheit nahmen.

Alles erschien hier ewig und naturgegeben. Flüsse und Seen, Wälder und Täler, Prestige und Privilegien befriedigten die meisten Wünsche. Doch mit dem Ende des Kalten Krieges ist der soziale Friede hin. Die beiden „reinen“ Rüstungsbetriebe im Nordteil der Stadt versuchen nun, statt Raketen für die Flotte Nähmaschinen und Kosmos-Programme auf den Markt zu bringen. Doch die noch vor zwei, drei Jahren höchstbezahlten und bestens versorgten Belegschaftsmitglieder verdienen heute weniger als der durchschnittliche Arbeiter bei Uralas. In den vergangenen zwölf Monaten sind über tausend Fachkräfte aus dem „Nordteil“ zu Uralas gewechselt, wo sie mehr Geld bekommen.