Nicht viele Entscheidungen des Osloer Komitees für den Friedensnobelpreis verdienen so viel Zustimmung und Respekt wie die diesjährige Auszeichnung. Die 33jährige Rigoberta Menchú, eine Maya-indígena aus dem Volk der Quiché, das im Westen Guatemalas lebt, streitet seit mehr als fünfzehn Jahren gegen die Unterdrückung ihres Volkes durch die weiße Oberschicht und für die Rechte und die Anerkennung der amerikanischen Ureinwohner. Die Nachricht erreichte sie, als sie an einer Protestveranstaltung gegen die offiziellen Jubelfeiern "Fünfhundert Jahre Entdeckung Amerikas" teilnahm: Für die indios, die Indianer, wie sie von den Weißen verächtlich genannt werden, hat Kolumbus nur Unheil und Vernichtung gebracht.

Ihr Schicksal ist in mehr als einer Hinsicht typisch für das Elend der Entdeckten. Für die kinderreiche Familie Menchú reichte das kleine Ackerstück im Hochland nicht aus; sie mußte zur Saisonarbeit in die großen Pflanzungen des Tieflandes ziehen. Kinder hatten mitzuarbeiten, Hunger, Lohnbetrug, Demütigungen gehörten zum Alltag.

In einem Buch hat Rigoberta Menchú, die erst als Zwanzigjährige anfing, Spanisch zu lernen, schmucklos erzählt, wie sie Armut am eigenen Leibe erlitten hat, aber anders als viele dadurch nicht gebrochen wurde, sondern begann, politisch zu denken. Ihr Vater kam 1980 am, als er mit einer Gruppe die spanische Botschaft in Guatemala-Stadt besetzte, die Sicherheitskräfte dann in Brand steckten. Im selben Jahr nahmen Paramilitärs ihre Mutter gefangen, folterten, vergewaltigten, ermordeten sie. Ein Bruder wurde umgebracht, zwei Schwestern schlossen sich der Guerilla an. Freunde brachten Rigoberta 1981 rechtzeitig außer Landes nach Mexiko.

Dort setzte sie den friedlichen Kampf für die Organisation der campesinos fort. Als Mittlerin zwischen zwei Kulturen erregte sie Aufmerksamkeit, zum Ärger der guatemaltekischen Militärs und ihrer weißen Klientel, aber bald gesichert durch internationale Kontakte und halbwegs geschützt durch ihr Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit in einem Land, in dem Gewalt zur politischen (Un-)Kultur gehört.

Sie sei ein "starkes Symbol für Frieden und Versöhnung über die ethnischen, kulturellen und sozialen Trennlinien hinweg", heißt es in der am Freitag voriger Woche veröffentlichten Erklärung des Nobelkomitees. Zweifellos eine respektable Begründung für die Entscheidung, doch zugleich ein "weißes" Mißverständnis der kaum begreifbaren Leidensfähigkeit und geduldigen Zähigkeit der Urbevölkerung. Rigoberta Menchú hat nie verhehlt, daß sie als stark vom Christentum beeinflußte Anführerin für sich den bewaffneten Kampf ablehnt, aber durchaus versteht, wenn andere zur Waffe greifen, um in einem Staat, in dem sie die Mehrheit sind, die Minderheit zur Einhaltung des Rechtes zu zwingen. Das christlich bestimmte Wort "Versöhnung" trifft nicht das, was die Mehrheit der indígenas wünscht. Für sie geht es darum, eine auf ganz andere Werte und Gewohnheiten gegründete Gesellschaft zu verwirklichen, die sich von den Weißen, den Ladinos, abgrenzen kann.

Doch "Abgrenzung" haben die weißen Entdecker schon im 15. Jahrhundert nicht respektieren können, und heute wird in keinem anderen Staat Lateinamerikas schon der Versuch so brutal verfolgt wie in Guatemala. Ein moderner Feudalismus rechtfertigt seine Grausamkeit mit dem Anderssein. In ihrer Lebensgeschichte erzählt Rigoberta Menchú, wie sie mit armen Weißen zusammentraf, die nicht besser lebten als ihr Volk. Und von allen Ladinos hörte sie zu ihrer Erschütterung: "Ja, wir sind zwar arm, aber keine indios." Die Rasse zählt, noch die in größtem Elend vegetierenden Weißen dürfen auf sie, die rassisch Minderwertige, herabsehen.

Das Kolumbus-Jahr hat der indígena-Bewegung großen Auftrieb gegeben. Seit auch die Vereinten Nationen zaghaft, aber hartnäckig für das Recht der "anderen" Urbevölkerungen eintreten, wächst die Bereitschaft, sich dieses Recht endlich zu verschaffen. Die Debatte, ob durch Verhandlungen oder mit Gewalt, spaltet die Bewegung. Differenzen gibt es auch über die Ziele: Integration in die weiße Gesellschaft oder Separation, um alte Gesellschafts- und Gemeinschaftsformen wiederaufzubauen? Vertrauen in eine "weiße" Reformbewegung, die historische Schuld sühnen will, oder Vertrauen auf die eigene Kraft?