Der Mann begreift die Welt nicht mehr. "Einen Strafzettel – dafür", fragt er entsetzt und zeigt auf den Haufen, den sein Langhaardackel gerade fein säuberlich mitten auf die verkehrsberuhigte Rue Rollin im schicken fünften Pariser Arrondissement plaziert hat. Aber da hilft kein Bitten und Betteln. Der Gendarm bleibt stur: "Das macht 180 Mark.

Eine erfundene Szene? Klar. Aber nicht unwahrscheinlich. Denn seit kurzem gilt auch in der französischen Hauptstadt, was in Genf, Berlin oder New York schon lange Regel ist: Wer seinen Vierbeiner sein Geschäft auf dem Gehweg machen läßt, muß zahlen. Vorausgesetzt natürlich, er wird auf frischer Tat erwischt und schafft den Kot nicht gleich eigenhändig in den nächsten Abfalleimer.

Eine Revolution. Und zwar eine richtige. Denn Hunde und vor allem ihre Haufen waren in Paris schon immer eine Angelegenheit, die Politiker nur mit spitzen Fingern anfaßten. Hygieniker wie Hundebesitzer sind schließlich auch Wähler. So ist die jüngere Geschichte der – auf gut französisch – déjections canines ein Schulfall für die ökonomische Theorie der Politik.

Als Jacques Chirac 1977 zum ersten Mal für das Pariser Bürgermeisteramt kandidierte, machte der Gaullistenführer seinem Ruf als exzellenter Stimmenmaximierer alle Ehre: Die Lichterstadt wird endlich wieder glänzen, versprach er hoch und heilig. Paris hätte damals beste Chancen gehabt, den Preis der dreckigsten Großstadt Europas zu gewinnen.

Seitdem muß Chirac allerdings quasi ständig einem zwanzig Tonnen schweren Hundehaufen ausweichen. Denn so viel Kot produzieren die rund 200 000 Pariser Vierbeiner täglich. Und ein gut Teil davon landet auf den Trottoirs der Stadt. Gegen diese Unsitte hart vorzugehen käme aber einem politischen Selbstmord gleich: Rein rechnerisch lebt in zwei von drei Pariser Haushalten ein Hund.

Chirac übte sich folglich in der Spitzendisziplin Pariser Spaziergänger: im Slalom, wenn auch auf politischem Terrain. "Ich werde auf keinen Fall durchgreifen", erwiderte er Kritikern. Sein Alternativvorschlag: "Ich werde mit den Tierärzten ein Abkommen schließen. Sie sollen die Hersteller von Haustiernahrung dazu anregen, ein Produkt zu entwickeln, das dem Stadtleben angemessener ist."

Das blieb den Hunden erspart. Dafür bekamen sie auf den Trottoirs Gesellschaft: Motorräder mit aufmontiertem Industriestaubsauger. Diese grünen Gefährte wurden auf Chiracs Betreiben entwickelt, um die Hundehaufen elegant zu beseitigen. Rund hundert dieser Kackasakis streunen heute auf der Suche nach Fäkalien täglich durch Paris. Viel brachten die merkwürdigen Motorräder allerdings nicht – wenn man von einer happigen Rechnung absieht: mehr als zwölf Millionen Mark jährlich, die auch die hundelosen Pariser mittragen müssen. Denn eine Hundesteuer gibt es an der Seine nicht. Chirac weigert sich beharrlich, sie einzuführen. Aus sozialen Gründen, heißt es offiziell.