Von Fredy Hämmerli

Die Drohung kommt unverhohlen: „Wenn die Schweiz dem Europäischen Wirtschaftsraum nicht beitreten sollte, werden wir uns ernsthaft die Verlegung unseres Hauptsitzes von Zürich nach Stockholm überlegen müssen“, erklärt David de Pury, einer der beiden Co-Präsidenten des schweizerisch-schwedischen Elektrokonzerns ABB. Heinz Frech, Vorstandsvorsitzender des größten Schweizer Stahl- und Umweltkonzerns Von Roll, macht sich ähnliche Gedanken: Je nach dem, ob die Eidgenossen am kommenden 6. Dezember dem Abkommen über den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) zustimmen oder nicht, will er „mehr oder weniger in Richtung Europa expandieren“.

Frech und de Pury verfolgen keine billige Angstmache oder Abstimmungspropaganda. Solche Szenarien spielen wohl die allermeisten mittleren und größeren Unternehmen des Exportlandes Schweiz durch. Denn ohne den Beitritt zum EWR, dem künftigen gemeinsamen 380-Millionen-Markt der EG- und der Efta-Staaten, müssen sie um ihre Zukunft fürchten. Diskriminierende Auflagen, zusätzliche Zölle, die Bevorzugung der anderen achtzehn EWR-Staaten bei vergleichbarem Angebot würden die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz gefährden.

Bei Ablehnung droht der eidgenössischen Wirtschaft ein dramatischer Abstieg, behauptet auch das Schweizer Büro der weltweit reputierten Unternehmensberatung McKinsey & Co. In einer exklusiven Studie, die an einen kleinen Kreis von Großkunden und Mitarbeitern ging, rechnen die McKinsey-Experten vor, daß im ärgsten Fall bis zum Jahr 2000 über 400 000 der heute 3,4 Millionen Arbeitsplätze in der Schweiz verlorengehen.

Am stärksten betroffen ist laut McKinsey & Co. die Investitionsgüterindustrie. In so wichtigen Industriezweigen wie Maschinenbau und Telekommunikation sollen vierzig Prozent aller Arbeitsplätze gefährdet sein. In konkreten Zahlen: 140 000 der insgesamt 360 000 Stellen dieser Branche könnten laut McKinsey-Direktor Thomas Knecht abgebaut oder von der Schweiz ins Ausland verlagert werden. In anderen Industriebranchen könnten in den kommenden acht Jahren bis zu zwanzig Prozent aller Stellen verlorengehen. In der Landwirtschaft sind 50 000, in der Bauwirtschaft 70 000 Stellen gefährdet.

Verschärft würde der Stellenabbau durch die durch die bewirkte Massenarbeitslosigkeit selbst: Da die Arbeitslosen sich weniger leisten können, würden im Extremfall zusätzliche 85 000 Arbeitsplätze verteilt über alle Wirtschaftsbereiche wegfallen.

Eine der wichtigsten Grundlagen für die dramatische Prognose ist die gestiegene Mobilität der Unternehmen. Für sie bestehe die Notwendigkeit, ihre „einzelnen Wertschöpfungsstufen dort anzusiedeln, wo die besten Voraussetzungen bestehen“, sagt McKinsey-Partner Christian Speiser.