Von Lars-Broder Keil

In den späten fünfziger Jahren litt die Landwirtschaft in der DDR unter einer enormen Kartoffelkäferplage. Da sich niemand einen Reim auf die überfallartige Vermehrung machen konnte, mußte, wie im SED-Staat üblich, der äußere Feind herhalten: Die Amerikaner hätten die gelb-schwarz gestreiften Tierchen abgeworfen, um die sozialistische Wirtschaft kaputtzumachen. Schüler und Studenten wurden wochenlang damit beschäftigt, die „Kampfmittel“ des Klassenfeindes einzusammeln.

Professor Joachim Oehlke denkt oft an diese Episode zurück. Auch er hat damals die Käfer aufgelesen, offenbar ein prägendes Erlebnis. Denn heute leitet der Wissenschaftler das Deutsche Entomologische Institut (DEI) in Eberswalde bei Berlin, ein insektenkundliches Institut und gleichzeitig die einzige wissenschaftliche Einrichtung in der Bundesrepublik, die sich nicht „unter anderem“, sondern ausschließlich mit Insekten beschäftigt.

Der SED-Insektenmann

Zu DDR-Zeiten gehörte das Institut nicht zu den vom SED-Staat geförderten Einrichtungen. Die Mitarbeiter durften keine privaten oder wissenschaftlichen Korrespondenzen mit dem westlichen Ausland führen. Das war nur über den damaligen Institutsdirektor Müller gestattet – einen Nichtentomologen – und führte dazu, daß eine Insektenart nach ihm benannt wurde, weil man ihn international für einen Fachmann hielt. Besuche im westlichen Ausland waren ohne Ausnahmeregelung des Ministeriums nicht möglich. Dieser für die Wissenschaft unerträgliche Zustand verschlimmerte sich mit dem Einzug der Großchemie in die Landwirtschaft. Das Institut mußte die Grundlagenforschung vernachlässigen und sich der praktischen Schädlingsbekämpfung zuwenden. 1971 verlor es sogar seine Selbständigkeit und den Namen und wurde als Abteilung Taxonomie dem Institut für Pflanzenschutzforschung Kleinmachnow angegliedert. Nach der Wende übernahm Professor Joachim Oehlke, Spezialist für Parasit-Insekten am Institut, den Posten des Direktors. Er gab dem Institut den alten Namen zurück und forcierte die entomologische Grundlagenforschung.

Insekten spielen im Ökosystem, in dem viele Lebewesen ernährungs- und vermehrungsbiologisch in Wechselbeziehung stehen, eine zentrale Rolle. Sie sind Bestandteil von Nahrungsketten, sie wirken als Bestäuber von Kulturpflanzen. Die zahlreichen Parasitoide unter ihnen spielen in der Natur die Rolle als Bioregulatoren. Außerdem signalisieren Insekten oft als erste Umweltveränderungen, die lebensgefährlich für das Fortbestehen des natürlichen Verknüpfungsgefüges sind.

Allein in Deutschland gibt es 30 000 verschiedene Arten von Insekten. Selbst für Spezialisten ist es unmöglich, sie alle zu kennen. Daher ist eine genaue Bestimmung der Arten, ihres Verhaltens und ihrer Fortpflanzung unerläßlich. Das DEI hat sich auf die Systematik spezialisiert. Sie umfaßt alle Fragen der Einteilung, Namensgebung und Verwandtschaftsverhältnisse. Die international einzigartige Sammlung von etwa drei Millionen Exemplaren in rund 275 000 Arten ist dabei das Kapital des Institutes. Dazu kommt die entomologische Spezialbibliothek, die aus 165 000 Werken besteht.