Einen Wunsch hat Richter Bräutigam sich nun selbst erfüllt, zumindest: erfüllen helfen. Der Prozeß gegen Erich Honecker und vier andere aus der alten Führungsetage der DDR findet statt; Und zwar schon bald. Am 12. November ist der erste Verhandlungstag.

Einen anderen, beinahe ebenso großen Wunsch erfüllen dem Vorsitzenden im Honecker-Prozeß andere. Im Gespräch hatte Bräutigam einmal gesagt: „Es wäre höchst wünschenswert für das Verfahren, wenn der Bundesgerichtshof (BGH) zuvor über die Revision in den bereits gelaufenen Mauerschützenverfahren entscheiden würde“, also darüber, ob die Schüsse an der Grenze überhaupt strafbar waren.

Am 23. Oktober verhandelt nun der 5. Strafsenat des BGH in Berlin einen solchen Fall. Das Urteil, dem großer Wert nicht nur für den Prozeß gegen Honecker zugemessen wird, wird bald darauf erwartet.

Zweimal pro Woche werden also von Mitte November an Honecker und die anderen vier Angeklagten vor ihren Richtern sitzen. Die Termine bis Ende April 1993 liegen schon fest. Mindestens zwei Jahre, so hatte Bräutigam ursprünglich gesagt, werde man wohl brauchen.

Weil die Ärzte dem leberkranken einstigen DDR-Partei- und Regierungschef so viel Lebenszeit nicht mehr vorhersagen, trennte die Justiz von 68 angeklagten Fällen 56 ab. Bleiben 12 Fälle, die sich auf Minendetonationen konzentrieren und Mauerschüsse nach 1982.

Nicolas Becker, einer der drei Honecker-Anwälte, fürchtet, die Berliner Justiz wolle so „mit einem auf Geschwindigkeit angelegten Prozeß“ das Verfahren „im Wettlauf mit dem Tod durchziehen“. Und er fragt rhetorisch, ob man wirklich „mit einem todkranken Mann über Menschenrechtsverletzungen“ verhandeln sollte. Die Frage ist beantwortet: Man wird. rf