Von Karsten Witte

Frische Erdbeeren am Rande sommerlicher Seen, wo dem Aufsteiger das soziale Glück winkt: Was könnte heiterer sein? Henrik Bergman, Kandidat der Theologie, aus beengten Verhältnissen, liebt Anna Akerblom, eine verwöhnte Tochter aus großbürgerlichem Hause. Doch die Schranken zwischen den einander fremden Klassen in Schweden um 1910 sind nicht so leicht umgangen wie die Hecken am See.

Der Student mit weißer Mütze, cand. theol. und ewiger Kandidat der Eingangsprüfung ins bürgerliche Leben, verspätet sich bei der Einladung zum üppigen Mahl an mit schwerem Silber bestückter Tafel. Abgehetzt trifft er auf dem Fahrrad im Hofe des Palais ein. Die Schwester seines Freundes empfängt ihn. Und sie verwirrt ihn. In ihren leichtfertigen Händen wird er zum Spielball ihrer Wünsche, denen er entsprechen möchte. Charmant kaschiert sie die Verspätung mit einer hingeworfenen Lüge. Die Prüfung der Blicke beginnt.

Von nun an sitzt neben den zurückhaltend auftretenden Hauptdarstellern Samuel Fröler und Pernilla Ostergren August eine dritte Figur. Sie trägt den Zwillingsnamen Bekenntnis und Vergebung und steuert den künftigen Haushalt der Leidenschaften. Nicht mehr protestantische Zerknirschung und Schwedenspuk der Existenz beherrschen das Drama. Eher geht es um im Licht filmischer Pragmatik gedämpfte Hoffnungen.

Der Vater der Braut (Max von Sydow) ist gnädiger gestimmt als die Mutter (Ghita Nørby), die sich als subtile Klassenfeindin gegen die Verbindung ihrer impulsiven Tochter stemmt. Der Kampf wird verdeckt geführt, mit dem Ton der eisigen Anrede in der dritten Person, die sich an ein Gegenüber wendet, als wäre es zitierte Luft; oder mit den gepflegten Intrigen, die Großfamilien für ausgestreute Nachreden bereithalten. Mißverständnisse, Anna und Henrik betreffend, werden von der Dramaturgie des Verfehlens gefördert. Trennungen, Krankheiten und Karrieren treten strafend auf. Nach der ersten Stunde des behutsamen Familienepos sind die Liebenden vereint, nach der zweiten verheiratet und nach der dritten krisengefestigt, fast versöhnt.

Endlich hat die Parallelmontage zwischen Viscontischem Gesellschaftsglanz und Dickensschem Winterelend ein Ende. Anna und Henrik; ihrer Herkunft entronnen, begründen am dritten Ort Zukunft. Sie liegt in Nordschweden. Da fahren schwarze Lokomotiven durch die weiße Landschaft. Da herrscht ein Fabrikbesitzer mit eiserner Faust über die Arbeiter im Dorf. Die Männer schuften stumm, die Frauen nähen und plaudern. Über ihnen ruht der Friede Gottes und der Generalstreik.

Im Schnee sieht man die roten Fahnen besser. Sie bleiben eingerollt. Nur die Fäuste der Redner werden geschüttelt. Die Parole bleibt, durchs Kirchenfenster gesehen, eine Geste. Der frisch ordinierte Pastor Bergman stiehlt sich auf die Seite der Unterdrückten. Er wird ohne Federlesen von seiner Frau und dem Fabrikanten eingeschüchtert. Kein Aufstand bricht los. Und um die Schuld, die umgeht, stellvertretend anzunehmen, ist das Gefäß des kleinen guten Hirten zu klein. Sein Wirken zielt nach innen. Die Auflehnung seiner Frau, die sich nur scheinbar dem stillen Leben auf dem Land anheimgab, erkennt er bloß als eine Figur des Zorns. Schlägt man so eine gerechte Wut nieder?